Der Körper schickt uns zuverlässige Signale

Der Körper schickt uns ­zuverlässige Signale

Mit Bauchschmerzen ins Büro, die Nase voll oder es im wahrsten Sinn des Wortes nicht mehr hören können – an Aussagen wie diesen ist mehr dran, als viele glauben.Arzt und Karrierecoach Dr. Jörg-Peter Schröder ist überzeugt: Der Körper ist ein zuverlässiger Indikator für Unzufriedenheit und Stress im Beruf.


dr schroeder

© Studio Zeta

Dr. Jörg-Peter Schröder

arbeitet als Arzt, Bournout-Experte und Führungscoach und ist Autor zahlreicher Bücher und Ratgeber zu Führung, Motivation und Selbstmanagement.

Mehr Infos über Dr. Jörg-Peter Schröder und seine Arbeit: www.frequenzwechsel.de


Herr Dr. Schröder, haben Sie den richtigen Job?

Das beantworte ich von ganzem Herzen mit Ja.

Was macht Sie so sicher?

Ich war immer ein Grenzgänger und habe schon einige berufliche Veränderungen hinter mir. Nach dem Medizin- und Medizininformatikstudium habe ich klinisch im Krankenhaus gearbeitet, mich mit Geschäftsprozessen und Qualitätsmanagement beschäftigt und später bei einem Versicherungskonzern das Schaden- und Gesundheitsmanagement geleitet. Das alles hat mich zu meiner heutigen Tätigkeit geführt. Ich habe mich zwar gegen den klassischen Arztberuf entschieden, bin von der Grundeinstellung aber immer noch ärztlich tätig. Nicht kurativ am Ende der Prozesskette, sondern präventiv. Ich bringe Menschen dazu, ihre berufliche Situation sowie Kommunikation und Prozesse in ihrem Job zu reflektieren, sodass alle gesund miteinander umgehen können.

Viele Erkrankungen sind psycho-
somatisch.

Wobei Sie Gesundheit sehr wörtlich nehmen.

Ja, unser Körper schickt uns zuverlässige Signale. Nur haben viele verlernt, sie zu deuten, oder sie unterdrücken sie. Dabei muss man sich nur mal ein paar Redewendungen vor Augen führen. Wenn jemand sagt: „Montagmorgens könnte ich kotzen“, dann könnte eine Magenschleimhautentzündung unter Umständen tatsächlich die Ursache sein, dass ihm der Job Übelkeit oder Bauchschmerzen bereitet.

Eine andere Klientin im Coaching sagte mir: „Ich kann es nicht mehr hören.“ Sie hatte einen starken Tinnitus entwickelt, also ein hochfrequentes Piepen im Ohr, das nur am Wochenende oder im Urlaub wieder leiser wurde. Und bei einer chronischen Nasennebenhöhlenentzündung wissen wir, dass nur in 11 bis 15 Prozent der Fälle überhaupt noch ein Keim nachweisbar ist. Der Großteil ist psychosomatisch bedingt. Die Leute haben die Nase voll.

In der Tat meistens vom Job. Wo setzen Sie dann bei Ihrem Coaching an?

Da gibt es ein paar einfache Fragen: Ist das, was ich mache, sinnhaft? Ist es anstrengungsfrei? Fällt es mir leicht? Ein Beispiel: Wenn man mich heute noch mal bitten würde, Budgetpläne aufzustellen, dann würde ich antworten: Ja, das könnte ich machen, weil ich intellektuell dazu in der Lage bin. Aber es fällt mir nicht leicht, weil es mir überhaupt keinen Spaß macht. Ich bin nicht detailorientiert, sondern ein intuitiver und kreativer Typ, und diese Präferenzen kommen dabei überhaupt nicht zum Tragen. Und sobald ich Dinge mache, die meinen Talenten entgegenstehen, fängt es an, anstrengend zu werden.

Ist das nicht ein bisschen simpel? Selbst im Traumjob gibt es doch mal Tage voller Ärger und Frust.

Ja klar. Nur danach motiviert man sich wieder. Das ist etwas anderes als eine grundsätzliche Unzufriedenheit, die sich über einen längeren Zeitraum entwickelt hat. Latenter Ärger ist ein Stau der Energie – und ein guter Anstoß, um sich zu fragen: „Was muss ich verändern, damit sie wieder fließt?“ Viele verharren im Ärger und werden stur und halsstarrig. Aber wer sich selbst reflektiert, hat immer die drei Möglichkeiten: Love it, change it, leave it. Entweder man akzeptiert die Situation, man nutzt seine Möglichkeiten, Rahmenbedingungen positiv zu verändern, oder man muss sich selbst beruflich verändern.

Was will ich wirklich machen?

Erst recht, wenn der Körper eindeutige Signale sendet.

Ja, das ist interessant. Die größte Veränderungsbereitschaft besteht, wenn sich äußere Umstände massiv ändern. Zum Beispiel bei schwerwiegenderen Erkrankungen wie einem Bandscheibenvorfall oder Herzrhythmusstörungen, wenn es also wirklich an die Gesundheit geht. Wer nur unzufrieden ist, neigt eher dazu, es zu ertragen und sich hinter dem noch nicht abbezahlten Kredit und der Verantwortung für die Familie zu verstecken – bis es auch ihn erwischt. Denn es geht im Leben nicht um die Kunst, sich selbst zu übertreffen und seine Bedürfnisse zurückzustellen. Jeder sollte genau überlegen: „Was will ich wirklich machen?“

Viele tun sich mit zu viel Entscheidungsfreiheit allerdings schwer. Was, wenn die Vielzahl der Möglichkeiten einen schier erschlägt?

Dann sollte man einen Schritt zurücktreten und reflektieren. Wer im Marketing arbeitet, wird eher ein kreativer und intuitiver Typ sein, der bewusst auch mal von der Norm abweicht. Dagegen wird ein Betriebswirt in der Buchhaltung eher detailorientiert und regelgeleitet arbeiten, sich aber mit einem Brainstorming schwertun. Genau darum geht es. Zu erkennen: „Wer bin ich? Was liegt mir? Was fällt mir leicht?“ Ich würde sogar so weit gehen und Selbstfindung als Schulfach einführen – eben weil junge Menschen so viele Möglichkeiten haben und theoretisch alles machen können. Aktuell bekommen sie in der Schule vor allem ihre Schwächen aufgezeigt. Wenn jemand sprachlich begabt ist, aber in Mathe eine Vier hat, wo bekommt er Nachhilfe? In der Schwäche. Dabei wäre es viel besser zu sagen: „Pfeif auf Mathe, aber in Englisch, Französisch und Spanisch bringen wir dich auf eine Eins.“

Ihr Rat lautet also: Leidenschaft vor Sicherheit?

Genau. Dafür brauchen wir in Deutschland aber auch eine andere Kultur. Wer hier mal ein paar Monate keinen Job hat, ist arbeitslos. In den USA sagen sie dazu „in between jobs“. Das ist viel positiver, im Vertrauen darauf, dass sich die nächste Möglichkeit schon ergibt. Deutsche sagen oft: „Nein, das kann ich nicht machen, dafür fehlt mir die Qualifikation.“ Na und? Wissen steht mir nicht im Weg. Wenn ich mich für etwas interessiere, kann ich es mir aneignen – vorausgesetzt, ich erhalte eine Chance. Da müssen auch Gesellschaft und Unternehmen in Deutschland umdenken.


Gerhard Roth

© Roth-HWK

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