Normal ist das nicht!

"Erik Lehmann – der Kabarettist Ihres Vertrauens"

Satirische Kolumne

Erik Lehmann

Erik Lehmann

© Erik Lehmann

Der Kabarettist gehört zum Ensemble der Herkuleskeule Dresden. Für seine scharfzüngigen Auftritte ist er mehrfach ausgezeichnet worden.

 

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Normal ist das nicht!

Ich kann mich noch gut erinnern. In der Wohnung meiner Eltern gab es früher am Türrahmen des Kinderzimmers eine beachtliche Ansammlung von Bleistiftstrichen. Als Kind wurde dort regelmäßig von mir (barfuß und mit Bilderbuch auf dem Kopf) Maß genommen, um zu schauen, ob denn das stetige Füttern auch in Wachstum meinerseits umschlagen möge. Und das tat es. Meine Eltern waren stolz. Ich auch. Nur an Kindergeburtstagen, wenn sich diverse fremde Brut der Bleistiftskala näherte und mein zuletzt aufgestellter Höhenrekord selbst von gleichaltrigen Mädchen übertrumpft wurde, gab es für mich nur mitleidige Blicke.

Auf die Streckbank musste ich nicht – dafür aber kurz vor der Einschulung auf eine sechswöchige Kur. Nach Salzwedel! Nördliches Sachsen-Anhalt!! Nahe Gorleben!!! Zweck der Kur: Ich sollte ein bisschen mehr auf die Rippen bekommen. Zu den Mahlzeiten gab es Fleisch mit viel Schwarte und riesige Teller mit warmen, dicken Klumpen Grießpudding. Ich kam mit drei Kilo weniger in die Heimat zurück.

Moderne Eltern sind deutlich ungeduldiger. Mit Handy-Apps wie „BabyConnect“ wird der eigene Nachwuchs bereits ab der Zeugung in Echtzeit dauerüberwacht. Da wird schon mal die Frauenärztin gebeten, das Handy des werdenden Papas mit dem Ultraschallgerät zu synchronisieren, damit genügend Daten für das digitale Persönlichkeitsprofil des Embryos verfügbar sind.

Kommt dann der Säugling zur Welt, werden in kurzen Abständen Messungen bezüglich Größe, Gewicht, Körpertemperatur und Kopfumfang gesammelt. Und wehe, es gibt Normabweichungen! Dann kommt erst recht Panik auf. Die Eltern besorgen sich Dauerabos bei Ergotherapeuten, Osteopathen und Ernährungsberatern. Apps wie „Smart Parenting“ vergleichen das eigene Kind mit den Kindern anderer Nutzer. Da werden so viele Daten eingetippt, dass selbst die NSA wegen fehlender Kapazitäten abwinken würde.

Hören Sie nicht auf eine App, sondern wieder auf ihr Gefühl

Kinder stehen an der digitalen Messlatte

Gut ist, was andere auch noch nicht können. Dank der Apps stehen die Schützlinge nicht mehr im Türrahmen, sondern an der digitalen Messlatte. Und wer nicht der Norm entspricht, für den wird die Datenbank zur Streckbank. Schließlich gibt’s sofort die passende Diagnose. Zum Beispiel: „Ihr Kind weint mehr als dreimal täglich und schläft noch nicht durch. Dann ist es ein Schreikind. Tipp: Schlafanalyse-App downloaden.“Oder: „Ihr Kind ist schüchtern und spricht wenig! Dann leidet es unter sozialer Phobie. Tipp: den Kinderpsychologen aufsuchen.“ In diesen Fällen wäre „Handy weglegen und Kind in den Arm nehmen“ der bessere Tipp gewesen. Da bleibt nur der Trost, dass Eltern und Handys eines gemeinsam haben: Irgendwann ist der Akku leer.

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