Dauerbegleiter im Ohr

Wenns piept, summt, surrt und nicht mehr aufhört. Rund vier Millionen Menschen in Deutschland leben mit Tinnitus.

Dauerbegleiter im Ohr

Permanente Ohrgeräusche können zur Belastung werden. Volker Albert macht anderen Betroffenen Mut, dass dennoch ein normales Leben möglich ist.

Wenn das Summen seinen Alltag übertönt, flüchtet sich Volker Albert auf eine grüne Alpenwiese im Sonnenschein – an den Ort, an dem er zumindest in Gedanken wieder zur Ruhe kommt. Während Albert früher Schwierigkeiten hatte, sein inneres Gleichgewicht zu halten, gerät es heute nur noch selten ins Wanken. Der ehemalige Berufssoldat aus Murnau in Bayern ist nach Schätzungen einer von rund vier Millionen Betroffenen, die in Deutschland mit Tinnitus (lateinisch für „das Klingeln der Ohren“) leben. Jährlich kommen mehr als 250.000 Neuerkrankungen hinzu.

Klingeln, Pfeifen, Piepsen, Klicken. Die Töne, die Betroffene wahrnehmen, sind unterschiedlich. Im Fall von Albert ist es ein Summen, das dem von Insekten gleicht. Seit 1987 hört er dieses Geräusch. „Zunächst ist es nur hin und wieder aufgetreten. Und irgendwann ist es hängen geblieben“, sagt der 75-Jährige. Wird der Ton im Ohr zum Dauerbegleiter, gilt er ab drei Monaten aus medizinischer Sicht als chronisch. Dennoch kann es sein, dass er auch nach Jahren wieder verschwindet, weiß Professor Gerhard Goebel. Der Experte und stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Tinnitus-Liga beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Ohrgeräuschen. „Dennoch ist noch immer unklar, was – streng wissenschaftlich gesehen – die Ursache für chronischen Tinnitus ist“, sagt Goebel. Deshalb gibt es auch keine ursächliche Behandlung und keine wirksamen Medikamente.

Wenn ich versuche, die Stille zu meiden, dann finde ich auch meine Ruhe.

Entspannung hilft am besten
Klar ist hingegen, dass der Auslöser in den meisten Fällen Lärm ist. „Zudem gehen häufig auch psychische Erkrankungen mit Tinnitus einher.“ Vor allem Entspannungstechniken und Verhaltenstherapien sind deshalb wirkungsvolle Maßnahmen, um mit dem Ohrensausen zurechtzukommen. Was viele nicht wissen: Jeder Mensch hat ein gewisses Grundrauschen durch Blutfluss, Puls und Herzschlag im Körper. Unser Gehirn ist jedoch in der Lage, es auszublenden. Stehen wir unter dauerhaftem Stress oder Depressionen, wird dieser Filter abgeschwächt. „Unser emotionales System entscheidet darüber, ob wir den Tinnitus wahrnehmen oder nicht“, sagt Goebel.

Als Volker Albert Ende der 1980er-Jahre zum ersten Mal das Summen wahrnahm, war er verzweifelt. Eine Odyssee von Arzt zu Arzt begann und erst spät lernte er, dass beruflicher und privater Stress die Ohrgeräusche verstärkt hatte. Geholfen hat ihm eine kognitive Verhaltenstherapie – sie bewirkt, dass die Aufmerksamkeit vom Tinnitus weggelenkt wird. Dabei nutzt Albert etwa die Vorstellung der Alpenwiese, eines Orts, an dem er das Summen von Insekten als angenehm empfindet, oder er hört Musik. Gerade wenn es ruhig ist – wie vorm Einschlafen –, nehmen viele Betroffene das Piepsen besonders deutlich wahr. „Um die Geräusche zu übertönen, kann es sinnvoll sein, im Bett eine CD mit Wasserrauschen oder Ähnlichem einzulegen“, sagt Professor Goebel. Jeder Betroffene muss seine eigenen Regler finden, um mit dem ständigen Begleiter umgehen zu können. Häufig ist dennoch ein normales Leben möglich, macht Volker Albert anderen Menschen in seiner Situation Mut. „Wenn ich versuche, die Stille zu meiden, dann finde ich auch meine Ruhe.“

Porträt Volker Albert

© privat

Volker Albert ...

... ist Präsident der Deutschen Tinnitus-Liga. Der Verein mit rund 12.000 Mitgliedern versucht Betroffene nach dem Motto „Hilfe zur Selbsthilfe“ im Umgang mit ihrer Krankheit zu unterstützen.

Kompaktkur für Tinnituspatienten

Die IKK classic bietet Versicherten, die an Tinnitus leiden, im Rahmen der ambulanten Vorsorge sogenannte Kompaktkuren an. In Gruppen von maximal 15 Teilnehmern werden sie nach einem strukturierten Therapiekonzept, das speziell für die Erkrankung entwickelt wurde, behandelt. Besonderer Wert wird dabei auf die Motivation zu gesundheitsgerechtem Verhalten gelegt. Eine aktuelle Übersicht, welche Kureinrichtungen eine solche Kompaktkur anbieten, erhalten Sie unter: www.kompaktkur.de

Weitere Infos erhalten Sie von Ihrer IKK classic vor Ort oder unter der kostenlosen Service-Hotline 0800 455 1111.

 

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