In der Ruhe liegt die Kraft

Resilienz heißt nicht, Dinge Abzuwehren oder Widerstand zu leisten, sondern dem, was ist, auf Augenhöhe zu begegnen.

In der Ruhe liegt die Kraft

Die haut so schnell nichts um, der hat ein dickes Fell. So beschriebene Menschen besitzen mit großer Wahrscheinlichkeit eine Gabe: Resilienz. Gemeint ist eine psychische Widerstandsfähigkeit, die hilft, Krisen zu bewältigen und sogar gestärkt daraus hervorzugehen.

Zwei Kollegen, beide arbeiten bereits etliche Jahre im gleichen Unternehmen. Sie erleben Erfolge und Wachstum mit, aber auch Fusionen, Stellenabbau und personelle Engpässe. Mit zunehmender Verantwortung steigen auch Arbeitspensum und Leistungsdruck. Hinzu kommen private Veränderungen wie Familienzuwachs, die auch nach Feierabend die volle Aufmerksamkeit einfordern. Doch während der eine auch unter Zeitdruck ruhig bleibt, die Kritik des Chefs gelassen hinnimmt, abends länger bleibt, wenn ein wichtiges Projekt abgeschlossen werden muss, und dafür an anderen Tagen bewusst früher Feierabend macht, klagt der andere über zu viel Arbeit, mangelnde Wertschätzung und verliert sich in Unzufriedenheit – mit dem Job, mit seinem Umfeld, mit sich selbst. So lange, bis er schließlich einem chronischen Erschöpfungszustand gefährlich nahe ist.

Der 12-Punkte-Selbsttest

 

Wie resilient bin ich?

Nehmen Sie sich einen Moment Zeit und versuchen Sie, die folgenden Fragen ehrlich zu beantworten:

Frage 1 von 12

Krisen konstruktiv bewältigen
Diese beiden sehr ähnlichen Lebensläufe mit unterschiedlichem Ausgang werfen die Frage auf: Warum verkraftet der eine beruflichen und privaten Stress gut, während der andere krank wird? Die beiden unterscheidet etwas, das Psychologen und Neurowissenschaftler Resilienz nennen. Der Begriff stammt ursprünglich aus der Physik. Dort gelten Materialien als resilient, die nach einer mechanischen Belastung wieder in ihren Ursprungszustand zurückkehren, zum Beispiel Gummi. „In der Psychologie wird oft von Widerstandsfähigkeit gesprochen“, sagt die Psychotherapeutin und Unternehmensberaterin Mirriam Prieß. Das führe allerdings etwas in die Irre. „Resilienz heißt nicht, Dinge abzuwehren oder Widerstand zu leisten, sondern dem, was ist, auf Augenhöhe zu begegnen – es aufzunehmen, anzunehmen und dann wieder bewusst loszulassen.“ Gemeint ist also vielmehr die Fähigkeit, Rückschläge und Krisen konstruktiv zu bewältigen und aus solchen Tiefs gestärkt hervorzugehen. „So gesehen ist Resilienz das beste Mittel gegen Stress, Depressionen und Burnout“, sagt Prieß.

Was banal klingt, hat einen durchaus ernsten Hintergrund. Laut Angaben der Deutschen Rentenversicherung sind psychische Probleme inzwischen der häufigste Grund für eine Arbeitsunfähigkeit, noch vor Muskel-Skelett- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Und auch die Hitliste der guten Vorsätze für das neue Jahr hat längst einen neuen Spitzenreiter. Laut einer Forsa-Umfrage nehmen sich mit gut 60 Prozent die meisten Befragten nicht etwa vor, das Rauchen aufzuhören, mehr Sport zu treiben oder weniger Alkohol zu trinken – sondern zuallererst Stress zu vermeiden oder abzubauen.

Wer psychisch stark bleiben will, braucht gute Beziehungen.

Der Gedanke, in einer Arbeitswelt, in der sich die Belastungen vom Körper auf den Geist verschieben, nicht nur die Muskeln zu trainieren, sondern sich auch seelisch fit zu machen, ist verlockend. Am Mitte 2014 gegründeten Deutschen Resilienz-Zentrum (DRZ) an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz versuchen Neurowissenschaftler, Mediziner, Psychologen und Sozialwissenschaftler deshalb, gemeinsam dem Wesen der Resilienz auf die Spur zu kommen und daraus wirksame Präventionsmaßnahmen gegen seelische Erkrankungen zu entwickeln. „Wir wollen verstehen, welche Vorgänge im Gehirn Menschen dazu befähigen, sich gegen die schädlichen Auswirkungen von Stress und belastenden Lebensereignissen zu schützen“, sagt Prof. Klaus Lieb, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie und stellvertretender Sprecher des Mainzer DRZ. In einer ersten großen Studie, dem Mainzer Resilienz-Projekt (MARP), sollen etwa mehrere Tausend Studenten über Jahre begleitet werden, um in der ereignisreichen Übergangsphase zwischen Schule, Studium und Berufseinstieg Stressfaktoren und Schutzmechanismen identifizieren zu können. „Der Mensch ist imstande, trotz schwerwiegender körperlicher oder mentaler Belastungen seine seelische Gesundheit zu bewahren oder wiederherzustellen“, ist sich Dr. Oliver Tüscher, Wissenschaftlicher Leiter des Projekts, sicher. Die spannende Frage ist nur: Wie genau?

„Der Grundstein für Resilienz wird durch die Beziehungserfahrungen in den ersten Lebensjahren gelegt“, sagt Therapeutin Mirriam Prieß. „Menschen mit Resilienz glauben an sich, weil sie ihren inneren Wert kennen.“ Aber auch später sei es noch möglich, an seiner Haltung gegenüber dem Leben, anderen Menschen und sich selbst zu arbeiten. In ihrem Buch „Resilienz – Das Geheimnis innerer Stärke“ beschreibt die Expertin Grundsätze, mit denen es jedermann gelingen kann, ein gewisses Maß an psychischer Widerstandskraft zu erlangen. In einem Zehn-Stufen-Programm zur Krisenbewältigung schildert sie etwa, wie man zunächst eine Krise überhaupt als solche erkennt und diese mit gezielten Fragen reflektiert: Welche Rolle spiele ich darin? Was brauche ich? Was will ich ändern?

 

Erfolg durch Zwiesprache
Als wichtigste Eigenschaft bei der Bewältigung nennt Prieß die Fähigkeit zum Dialog, sowohl mit sich selbst als auch mit anderen Beteiligten. „Der größte Stress entsteht in Beziehungen, egal ob beruflich oder privat. Wenn Menschen sich erschöpfen, dann, weil sie sich in konfliktreichen Beziehungen befinden, über wenig Beziehungen verfügen – und immer die Beziehung zu sich selbst verloren haben“, so die Expertin. Das bedeutet im Umkehrschluss: Wer psychisch stark bleiben will, braucht gute Beziehungen, sowohl mit sich selbst als auch mit seinem Umfeld. „Damit das gelingt, gilt es, sich die Voraussetzungen des Dialogs bewusst zu machen“, sagt Prieß und nennt dafür Interesse, Offenheit, Empathie, Respekt und Augenhöhe. „Wer diese Eigenschaften bewusst an sich schult und sie sich zu eigen macht, der wird mühelos auch in konflikt­reichen Situationen die nötige Gelassenheit und Stärke behalten.“ 


Porträt von Mirriam Prieß

© Mirriam Prieß

Mirriam Prieß ...

... ist Psychotherapeutin und Unternehmensberaterin. Sie berät Privatpersonen aber auch Unternehmen und Führungskräfte zu Überlastung und Burn-out sowie zu Konfliktmanagement und Prävention.

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Bildnachweis Headergrafik: © Katharina Bitzl