Lärm ist was der Kopf draus macht

Lärm verursacht je nach Wahrnehmung Stress. Absolute Stille ertragen viele genauso schwer, weil sie oft mit leblosen Situationen in Verbindung gebracht wird.

Lärm ist, was der Kopf draus macht

Stimmen, Tiere, Fahrzeuge und Maschinen – unser Alltag ist eine einzige Geräuschkulisse. Egal, ob wir in der Stadt oder auf dem Land leben, absolute Ruhe ist schwer zu finden. Und das sei auch gut so, sagt Expertin Brigitte Schulte-Fortkamp.

 

Frau Schulte-Fortkamp, wie definieren Sie Ruhe und Lärm?
Der Begriff Lärm wird häufig falsch verstanden. Wer von Lärmpegel spricht, suggeriert, dass es eine messbare Schwelle gibt. In der Regel wird ein Geräusch aber erst dann als Lärm empfunden, wenn es stört und wenn man es nicht aus eigener Kraft wieder abschalten kann. Auf der anderen Seite brauchen Menschen auch eine gewisse Geräuschkulisse. Absolute Ruhe ertragen viele genauso schwer, weil sie oft mit leblosen Situationen in Verbindung gebracht wird.


  Wie laut ist eigentlich...?

Über die Lautstärke von Geräuschen, gemessen in Dezibel (dB(A)), lässt sich nicht streiten. Jeder Mensch empfindet ein startendes Flugzeug als nahezu unerträglich laut. Der Schalldruck, den ein Triebwerk dabei erzeugt, liegt bei 120 Dezibel – und somit nur zehn Dezibel unter der medizinisch definierten Schmerzschwelle von 130 Dezibel. Die menschliche Hörschwelle liegt bei null Dezibel.


Wenn die Lautstärke eine untergeordnete Rolle spielt, welche anderen Faktoren machen dann Lärm aus?
Aus der Psychoakustik wissen wir, dass es vor allem auf die Charakteristik eines Klangs oder Geräusches ankommt. Es gibt beispielsweise raue, scharfe, schrille oder tonale Geräusche. Solche Ausprägungen empfinden wir als angenehm oder eben störend. Zudem ist wichtig, in welcher Umgebung wir ein Geräusch wahrnehmen. So würde zum Beispiel das vielgeliebte Meeresrauschen befremdlich klingen, wenn wir es mitten in der Stadt hören würden.

Die Wahrnehmung von Ruhe und Lärm ist also sehr subjektiv?
Genau. Wie ein Klang empfunden wird, hängt von mehreren Faktoren ab. Von der Umgebung, in der man sich gerade aufhält, von der Sozialisation und der inneren Einstellung. Menschen auf dem Land zum Beispiel sind eher von Naturgeräuschen umgeben, die in der Stadt nicht vorkommen oder nicht zu hören sind, weil dort vor allem Verkehrsgeräusche überwiegen. Die Frage ist: Wann sind die Geräusche störend und wann nicht? Letztlich kann eine zu starke Schallbelastung – insbesondere in der Nacht – zu Gesundheitsschädigungen führen. Chronischer Stress kann Depressionen auslösen, aber auch Blutdruck und Stoffwechsel negativ beeinflussen.

Was kann man dagegen tun? In einer Forsa-Umfrage gaben immerhin 46 Prozent der Stadtbewohner an, dass sie sich von Verkehrslärm gestört fühlen.
Entscheidend ist tatsächlich der Punkt, dass Verkehrsgeräusche nicht aus eigener Kraft abzustellen sind. Genau hier muss eine gute Stadtplanung ansetzen – auch indem sie Betroffene mit einbezieht und ihnen die Möglichkeit gibt, die Geräusch­situation aktiv mitzugestalten. Als Maßnahmen gibt es kurz- und langfristige. Zu letzteren zählen Tempolimits, neue Verkehrsführungen oder sogenannter Flüster­asphalt. Kurzfristig können an belebten Plätzen kleine Ruheinseln geschaffen oder spezielle Bänke aufgestellt werden, die vor Schall schützen, oder Lautsprecher angebracht werden, die Geräusche spielen, die als angenehm empfunden werden.

<p><span class="picinfo">Bildnachweis Headergrafik: &copy privat</span></p>Brigitte Schulte-Fortkamp

Brigitte Schulte-Fortkamp

Brigitte Schulte-Fortkamp ...

... ist Professorin für Psychoakustik und Lärmentwicklung an der Technischen Universität Berlin.

Stadtklang

Zusammen mit anderen Wissenschaftlern betreut Brigitte Schulte-Fortkamp das Projekt Stadtklang. Noch bis Februar kann sich jeder Bürger daran beteiligen, indem er 15 Sekunden lange Tonsequenzen aus seiner Umgebung in ein bundesweites Geräuschkataster, die sogenannte Klangkarte, hochlädt. Hunderte Töne sind bereits archiviert,  vom Glockengeläut der Dresdner Frauenkirche bis zum Herzschlag eines ungeborenen Babys am CTG in einer Hannoveraner Arztpraxis. Stadtklang ist eine Aktion des Wissenschaftsjahres 2015. Ergebnisse des Projekts sollen unter anderem im Lärmschutz und in der Stadtplanung Anwendung finden.

 

Bildnachweis Headergrafik: © Christian Müller/Fotolia