Auf der Suche nach Ruhe

Wie und wo kommt man in einer Zeit, in der alles auf Produktivität ausgelegt ist, eigentlich mal so richtig zur Ruhe?

Die Suche nach der Ruhe

Einfach mal nichts tun, das ist schwerer als gedacht. Ebenso wie Stille aushalten. Autorin Anna Busch begibt sich auf eine Reise zu ruhigen Orten – und das mitten in der Großstadt.

Obwohl ich ein echtes Stadtkind bin, gehen auch mir Lärm und Hektik manchmal echt auf die Nerven. Dann wünsche ich mir eine Auszeit – und wenn es nur eine halbe Stunde ist. Keine Motorengeräusche, keine Straßenbahn, die donnernd an mir vorbeizieht, keine Menschen, die zum nächsten Termin stürmen. Aber wo findet man mitten in einer Großstadt Ruhe?

„Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?“ Diese Frage stellte sich schon Johann Wolfgang von Goethe und ich schließe mich an. Jeden Morgen weckt mich das Glockenläuten der benachbarten Kirche. Ein Ort der Ruhe, eingekreist von Wohnhäusern und Geschäften. Die massiven Holztüren stehen tagsüber für Besucher offen. Ich bin heute der einzige Gast. Für mein Vorhaben die besten Bedingungen. Nach den ersten Schritten ins Kircheninnere ist klar: Die dicken Mauern halten störende Töne tatsächlich ab. Stille. Nur meine Schuhe klackern auf dem Steinboden. Ich setze mich auf eine Bank. Und jetzt? Die Ruhe überfordert mich.

Wer abschalten will, sollte das auch mit seinem Handy tun.

Die Kunst des Müßiggangs
In einer Zeit, in der alles auf Produktivität ausgelegt ist, fällt es nicht leicht, einfach mal nichts zu tun. Doch auch Faulheit kann produktiv sein. Das beweist der deutsche Kulturwissenschaftler Wolfgang Schneider in seiner „Enzyklopädie der Faulheit“. Dort beschreibt er die Erfolgsfaktoren bedeutender Persönlichkeiten wie Churchill, Brecht oder Einstein. Sie alle eint, dass sie sich Entschleunigung und Müßiggang als wesentliche Voraussetzungen für ihre Kreativität und auch für ihre psychische Gesundheit zunutze machten. Bewusst erlebte Pausen schaffen neue Ideen. Zahlreiche Studien belegen: Geistige Regeneration ist in unserer Leistungsgesellschaft unverzichtbar. Und das beste Rezept, um den Energiespeicher wieder aufzufüllen, ist Ruhe.

Genau die versuche ich auf meiner Kirchenbank zu genießen. Mit geschlossenen Augen. Minuten vergehen, die Gedanken kreisen. Welche Termine stehen noch am Nachmittag an? Milch muss noch auf den Einkaufszettel. Was könnte ich meinem Patenkind zum Geburtstag schenken? Äußere Ruhe heißt noch lange nicht, dass es automatisch im Kopf leise wird. Das Handy reißt mich endgültig aus dem Versuch, zu entspannen. Es klingelt. Anfängerfehler: Wer abschalten will, sollte das auch mit seinem Mobiltelefon tun.

Fahles Licht und sanfte Klänge
Nach einer halben Stunde gebe ich auf. Vielleicht hilft ein Ortswechsel. Die kalte Kirche, in der kein Laut zu hören ist, war noch nicht das Ziel meiner Suche nach Ruhe. Ich tausche absolute Stille und Einsamkeit gegen Wärme und andere Menschen. Ein Salzzimmer, ein sogenanntes Salarium, soll mich dem Zustand der Gelassenheit ein Stück näher bringen. Im Gegensatz zur Kirche bin ich hier nicht alleine. Zwei Besucher haben es sich bereits auf den Bänken bequem gemacht. Die Glastür quietscht leicht, als ich sie öffne. Ich hauche ein „Guten Tag“ in den Raum. Alles ist mit Salz verkleidet: Wände, Boden und Sitzgelegenheiten. Das fast durchsichtige Mineral ist in ein tiefes Blau getaucht, alle paar Minuten wechselt die Farbe der Beleuchtung.

Ich setze mich mit etwas Abstand zu den anderen Gästen in eine Ecke. Die Wärme und die Instrumentalmusik, die sehr leise im Hintergrund läuft, bringen mich sofort in eine ruhigere Grundstimmung. Wie in der Kirche schließe ich die Augen. Obwohl dieses Mal kleine Geräusche die Stille immer wieder durchbrechen – ein Husten von rechts, ein Plätschern vom benachbarten Pool, ein Summen der Heizanlage –, stellt sich langsam Entspannung ein. Ruhe, aber keine vollkommene Abgeschiedenheit – das scheint der erste Schritt zum Ziel zu sein.

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