Silentium

Die ruhige und besinnliche Zeit beginnt meist erst nach den Feiertagen. Genießen Sie sie. Denn das nächste Weihnachten kommt bestimmt.

Silentium

Satirische Kolumne - von Erik Lehmann. Der Kabarettist Ihres Vertrauens.

Ich zitiere aus der 2002er-Weihnachtsausgabe des Bestellkatalogs „Die moderne Hausfrau“, Seite 172, oben rechts: „Auch lautes Stühlerücken kann an die Nerven gehen! Wir leben in einer lauten Zeit: Musikberieselung von allen Seiten, dazu Lärm von Autos, Flugzeugen, Maschinen. Wer sich übers laute Stühlerücken in der Familie nicht zusätzlich aufregen will, bestückt seine Stuhlbeine mit den Fußbodenschonern ‚Katze‘ und ‚Kühe‘!“

Na toll – wird sich jetzt so mancher denken –, dieser Hinweis kommt zu spät. Nicht weil diese ulkigen Fußbodenschoner der lang ersehnte Geschenktipp gewesen wären, sondern weil sich so manches weihnachtliche Familiendrama hätte verhindern lassen. Denn das Weihnachtsfest ist seit jeher nicht nur die Zeit für Ruhe und Besinnlichkeit. Wer zwischen den Jahren einen aufmerksamen Blick in die Tageszeitung wirft, liest sie immer wieder, die traditionellen Überschriften: „Doppelmord unterm Weihnachtsbaum“ oder „Eiskalter Heiligabend: wenn das Christkind zweimal klingelt“. Ja: Fußbodenschoner können Leben retten! Aber Hand aufs Herz, wollten Sie die Adventszeit und die Feiertage nicht auch eher ruhig verbringen und entspannt genießen? Und was war? Hier ein repräsentativer Querschnitt:

Ulf Höckstett, 42, aus Bottrop hatte bei der unvermeidlichen Betriebsweihnachtsfeier seinen Chef beim Glühweinwetttrinken bezwungen. Seitdem heißt es für ihn nicht nur Resturlaub nehmen, sondern beurlaubt bis auf Weiteres. Er hat jetzt viel Tagesfreizeit und Ruhe.

Ulrike Zöttel, 39, aus Dippoldiswalde verlor am Heiligabend die Nerven, als sich die günstig erstandene Mastgans beim Braten als eine für die vierköpfige Familie wenig gehaltvolle Mahlzeit entpuppte. Um ihre enttäuschten Kinder und den zerknirschten Gatten zufriedenzustellen, wurde das ambitionierte Weihnachtsgeschenk der Nachbarfamilie Trömmel, die für ihre elfjährige Tochter Amelie (überzeugte Vegetarierin) eine Gnadengans aus ungarischer Haltung über Ebay ersteigert hatte, zum Schweigen gebracht. Frau Zöttel konnte somit ihre Familie unbeschadet über die Feiertage bringen. Nichtsdestotrotz herrscht seitdem zwischen den Familien Trömmel und Zöttel eine beängstigende Stille.

Udo Böttcher, 54, aus Zella-Mehlis bemerkte am Vormittag des 24. Dezember, dass seine Frau zwar gesagt hatte „Wir schenken uns nix!“, es aber offenbar nicht so gemeint hatte. Im örtlichen Supermarkt erstand er dann diverse Fischdosen, Reinigungsmittel und eine verblühte Amaryllis. Die nach der Bescherung folgende Schweigsamkeit seiner Gattin empfindet er bis heute als äußerst erholsam.

Diese Beispiele zeigen deutlich, dass die ruhige und besinnliche Zeit meist erst nach den Feiertagen beginnt. Also: Genießen Sie es. Denn das nächste Weihnachten kommt bestimmt.

Erik Lehmann

Erik Lehmann

© Erik Lehmann

Der Kabarettist gehört zum Ensemble der Herkuleskeule Dresden. Für seine scharfzüngigen Auftritte ist er mehrfach ausgezeichnet worden.

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