Auslaufmodell Familie?

Zwar bekommen Deutsche immer später Kinder, dennoch ist ihnen eine eigene Familie noch immer sehr wichtig.

"Familie ist kein Auslaufmodell"

Partnerschaft, Kinder und Eltern sind noch immer wichtige Bestandteile unseres Lebens, sagt Soziologin Dr. Katharina Lutz von der Universität Bremen. Im Interview erklärt sie, warum das so ist und welche Herausforderungen Familien heute und künftig bewältigen müssen.

 

Hohe Scheidungsraten und anhaltend geringe Geburtszahlen: Ist Familie ein Auslaufmodell?
Keineswegs. Und auch das muss mal gesagt werden: Die meisten Kinder leben heute tatsächlich immer noch in einem Haushalt mit verheirateten Eltern.

 

Was ist eigentlich Familie?
Für uns Soziologen ist eine Familie per Definition eine Lebensform mit Kindern. Paare ohne Kinder tauchen nicht in der Statistik auf. Ob die Eltern alleinerziehend, verheiratet oder in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft leben, ist hingegen egal. Das ist nicht neu. Die heutigen, vielfältigen Familienmodelle gab es schon vor dem Zweiten Weltkrieg.

Familie früher

Das traditonelle Bild einer Familie im Nachkriegsdeutschland.

Dennoch haben wir immer noch das stereotype Bild vom arbeitenden Vater, von Hausfrau und Kind vor Augen.
In den 50er- und 60er-Jahren hat eine regelrechte Flucht ins Privatleben stattgefunden. Diese Zeit hat das Bild von Familie maßgeblich geprägt: Nach der Heirat wurden zügig drei bis vier Kinder gezeugt. Der Vater ging arbeiten, die Mutter blieb als Hausfrau daheim. Zum einen war das die emotionale Reaktion auf den überstandenen Krieg, zum anderen förderten die Wirtschaftswunderjahre diese Entwicklung. Denn damals war das Modell des Alleinverdieners erstmals überhaupt finanziell möglich.


Noch heute wird das politisch gefördert – Stichwort „Ehegattensplitting“. Ist das noch zeitgemäß?
Die Gesetzeslage passt sich tatsächlich eher langsam an. Das zeigt, dass in der Politik prinzipiell noch immer ein sehr konservatives Familienbild herrscht. Für die Erwerbstätigkeit von Frauen ist das ein Hindernis. Der Ausbau der Betreuungsangebote für Kinder unter drei Jahren findet beispielsweise erst seit Kurzem statt. Aber auch Unternehmen sind immer noch nicht so sehr darauf eingestellt, ihren Mitarbeitern die Vereinbarkeit von Job und Kindern zu ermöglichen. Es gibt etwa immer noch zu wenige Betriebskitas.

In Ländern wie Frankreich oder Schweden gehen Kinder schon früh in die Betreuung.

Selbst wenn es ausreichend Betreuungsmöglichkeiten gäbe, scheuen sich viele Frauen davor, ihre Kinder in fremde Obhut zu geben. Warum?
Kinderbetreuung ist auch eine Frage der Einstellung. Da gibt es auch einen deutlichen Unterschied zwischen West- und Ostdeutschland. Während in den alten Bundesländern oft eine starke Ablehnung gegenüber externer Betreuung herrscht, ist das Konzept im Osten sehr viel selbstverständlicher. Das ist historisch bedingt. In der DDR wurden Frauen als Arbeitskräfte unverzichtbar. Auch heute gehen sie schneller wieder arbeiten als westdeutsche Mütter, und das auch noch häufiger in Vollzeit. Dabei ist die Furcht vieler Familien im Westen vor der Betreuung in Kitas oder bei Tagesmüttern unbegründet. Wissenschaftlich gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass Kinder sich dadurch negativer entwickeln. Länder wie Frankreich oder Schweden machen es vor: Hier gehen Kinder schon früh in die Betreuung.


Katharina Lutz, Uni Bremen
Im Interview

Dr. Katharina Lutz ist Familiensoziologin. Sie forscht und lehrt an der Uni Bremen.


Was unterscheidet beispielsweise französische von deutschen Familien?
Zum einen unterscheidet sich die Größe der Familien deutlich. Französische Familien haben mehr Kinder als deutsche. Frankreich ist eines der Länder mit der höchsten Geburtenrate in Europa. Drei oder vier Kinder sind keine Seltenheit. Dafür aber kinderlose Paare. Das liegt vielleicht auch daran, dass die Betreuung der Kinder in Frankreich sehr viel selbstverständlicher und besser geregelt ist. Auch Kinder unter drei Jahren werden dort ganztags betreut. Auch die Quote der erwerbstätigen Frauen ist dadurch höher als in Deutschland.

Viele Frauen hätten gerne Kinder, kommen aber nicht dazu.

Viele Paare bleiben kinderlos. Wollen sie aus Angst oder Überzeugung keine Kinder?
Der Kinderwunsch ist in der heutigen Gesellschaft immer noch konstant hoch. Dennoch sinkt die Zahl der Geburten. Viele Frauen hätten gerne Kinder, kommen aber nicht dazu. Sie trauen sich die Aufgabe zunächst nicht zu, haben nicht die richtige Beziehung oder scheuen das finanzielle Risiko – am Ende läuft ihnen dann oft die Zeit davon, wenn auch mit Ende 30 nicht der passende Partner da ist. Die biologische Uhr arbeitet gegen sie.

 

Sind Großeltern wichtig als Entlastung?
Sie sind sehr viel fitter als früher und werden häufig als Betreuer für die Enkel genutzt – übrigens häufiger in West- als in Ostdeutschland. Relevant dabei ist aber auch, wie groß der Altersunterschied in der Familie ist. Im Osten sind die Großeltern meist noch erwerbstätig, wenn die Enkel kommen. Hier werden Familien sehr viel eher als im Westen gegründet.

Wer kümmert sich heute um die Alten? Früher war das selbstverständlich innerhalb der Familie geregelt. Nicht nur bei jungen Familien muss die Betreuungsfrage geklärt werden. Auch die Care-Arbeit ist eine Herausforderung. Denn wer kümmert sich um die Alten? Mit dem Hausfrauen-Modell war das klar geregelt: Wenn die Kinder aus dem Haus sind, übernimmt die Frau irgendwann die Pflege der eigenen Eltern oder Schwiegereltern. Mit der Frauenerwerbstätigkeit tut sich hier wieder eine Betreuungslücke auf.

 

Zudem leben heute doch viel mehr Familien auf räumlicher Distanz. Wie ist hier das Thema Pflege geregelt?
Solche Konstellationen, in denen Eltern und Kinder an weit entfernten Orten leben, sind im bundesweiten Vergleich immer noch unüblich. Familien leben in der Regel nah beieinander. Heute wie früher. Bei Akademikern, die aus einer ländlichen Region stammen, ist die gegenteilige Situation womöglich üblicher. Welche Frage drängender ist: Wer pflegt die Menschen ohne Nachkommen? Jeder Vierte bis Fünfte hat keine Kinder.

 

Aktion: Was bedeutet Familie für Sie?

Machen Sie ein Foto von Ihrer Familie oder was Sie darunter verstehen und teilen es mit den anderen Lesern von aktiv+gesund. Die Einsendungen werden im eMagazin vorgestellt. Und zu gewinnen gibt es auch noch was!

Alle Informationen und Teilnahmebedingungen finden Sie hier.

 

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Bildnachweis: © Emely/Cultura/Getty Images; Stockbyte/Retrofile/Getty Images; privat


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