Oma ist die Beste

Enkel haben es heute gut. Keine Großelterngeneration zuvor hat sich derart intensiv um die lieben Kleinen gekümmert.

Oma ist die Beste

Erik Lehmann – der Kabarettist Ihres Vertrauens

„Die Rente ist sicher!“ – dieser Satz von Norbert Blüm hat sich wie kaum ein anderer in unser Gedächtnis gepflanzt. Am 10. Oktober 1997 fielen diese Worte im Bonner Bundestag. Damals wurde eine Rentenreform verabschiedet, die das Rentenniveau von heute unvorstellbaren 70 Prozent auf 64 Prozentpunkte absenkte. Ich war damals ein junger Teenager und Politik war nicht so meins. Während ich im Kino mit Hochspannung das Sinken der Titanic verfolgte, interessierte mich das Absenken des Rentenniveaus herzlich wenig. Heute liegt das Rentenniveau bei rund 48 Prozent. Im Jahr 2040, wenn ich noch knapp 15 Jahre Berufsleben vor mir habe, soll – laut des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung – das Rentenniveau nur noch bei 42 Prozent liegen. Was da dann an Rente ausgezahlt wird, hätte 1912 wahrscheinlich noch nicht mal für ein Ticket in der Holzklasse der Titanic gereicht.

 

In ständiger Alarmbereitschaft

Aber Schluss mit der Untergangsstimmung – denn in dieser Kolumne soll es eigentlich um das Verhältnis von modernen Omas und Opas zu ihren Enkelkindern gehen. Und da hat sich mindestens so viel geändert wie bei der Sicherheit von Überseefahrten. Die Großelterngeneration von heute geht weder am Stock, noch sitzt sie graubestrumpft im Lehnstuhl. Selbst die Masse älterer Herrschaften auf Kreuzfahrtschiffen ist geschrumpft, denn moderne Rentnerehepaare fahren nur noch nach Rücksprache mit den Eltern ihrer Enkel in den Urlaub. Ob Läusealarm in der Kita, Schulausfall wegen Lehrerstreik oder der Spätdienst der Eltern, Oma und Opa sind in ständiger Alarmbereitschaft. Und selbst so manches Wochenende oder auch das Ferienprogramm wird von Großeltern zeitgenössischer Doppelverdiener-Familien gemanagt.

 

Animateure im Ruhestand

Während früher ein Opa ostfrontbedingt mit Lederhand in der Ecke saß und alte Marschlieder summte und die Oma kittelbeschürzt Corega-Tabs zählte und von Scarlett O’Hara schwärmte, wird heute von jugendlich-aktiven Großeltern ein Bespaßungsprogramm für die Enkel aufgefahren, das seinesgleichen sucht: Da stehen gemeinsame Freibadbesuche an, da wird der Kletterwald oder die Gokart-Bahn unsicher gemacht, da wird Fußball gespielt und gemeinsam Trampolin gesprungen. Und wenn man sich mal nicht sieht, tauscht man sich per E-Mail, Skype oder via Smartphone aus. Der „wohlverdiente Ruhestand“ gilt nur dann, wenn die Großeltern enkelfrei haben. Überhaupt: Heutige Senioren sind eher Animateure als Kontrolleure und Großeltern genießen es, nicht mehr erziehen zu müssen – das obliegt den Eltern. Deshalb gefällt es vielen Kleinen bei Oma und Opa auch immer besonders gut.

 

Zuneigung XXL

Dabei liegt es auf der Hand: Während Anfang des vergangenen Jahrhunderts eine Oma in einer Großfamilie noch ein Dutzend Kindeskinder um sich scharte, ist es heute meist Alltag, dass zwei Großelternpaare um ein einziges Enkelkind buhlen. Was die Verteilung der großelterlichen Liebe und Zuwendung anbelangt, mussten damalige Enkelkinder um diese kämpfen wie um einen Platz im Rettungsboot. Heutige Enkel haben fast alle einen Platz auf dem Sonnendeck einer Privatjacht. Und Eisberge sind auch selten geworden – so viel ist sicher.


Kabarettist Erik Lehmann
Der Autor: Erik Lehmann

Der Kabarettist gehört zum Ensemble der Herkuleskeule Dresden. Für seine scharfzüngigen Auftritte ist er mehrfach ausgezeichnet worden.

www.knabarett.de

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Bildnachweis Headergrafik: © Oliver Rossi/The Image Bank/ Getty Images; Erik Lehmann/Mike Hätterich