Waise

Carlos ist Vollwaise, seitdem er 14 Jahre alt ist. Mit zehn verlor er seine Mutter, wenige Jahre später starb sein Vater.

„Meine Eltern wären stolz auf mich“

Als Jugendlicher wurde Carlos* zum Vollwaisen. Doch gerade aus diesem schmerzlichen Verlust zieht er immer wieder neue Lebenskraft für sich selbst.

 

Wenn Carlos alte Fotoalben anschaut, blättert er am liebsten in dem Buch, in dem die Babybilder von ihm kleben. Es hat einen braunen Einband mit goldfarbenen Prägungen. Feines Transparentpapier, das über die Jahre an vielen Stellen eingerissen ist, trennt die Fotoseiten voneinander. So oft der Mainzer diese Erinnerung an seine Kindheit in die Hand nimmt, so oft haben es auch seine Eltern berührt – damals, vor 31 Jahren, als sie es für ihn gestalteten.

Die vielen Ausrufezeichen. Sie waren begeistert.

Jedes Blatt ist liebevoll mit Fotos arrangiert. Auf einigen stehen kurze Notizen, mit schwarzem Füllfederhalter geschrieben. „Garten, Sommer 1987“, „Amalfi, 1991“. Andere Texte sind länger, verraten ihm, an was er sich selbst kaum erinnert: „Deine ersten Schritte! Du bist so schnell! Wir kommen nicht hinterher!“ Es berührt Carlos, mit wie viel Enthusiasmus seine Eltern das Album pflegten. „Die vielen Ausrufezeichen. Sie waren begeistert“, sagt er.

Verblasste Erinnerungen

In den wenigen Worten kann er lesen, wie seine Eltern gefühlt haben müssen. Seine eigenen Erinnerungen hingegen sind schon zu sehr verblasst. „Ich hätte gern genauer hingesehen. Aber ich war jung“, sagt er. Er habe nicht ahnen können, was später passieren würde. Sonst hätte er jeden Moment seiner Kindheit aufsaugen wollen. 

Ich hatte Angst vor den Reaktionen meiner Mitschüler, der Zukunft ohne meine Mutter.

Carlos, ein ruhiger Mann mit dunklen Augen, ist Vollwaise seitdem er 14 Jahre alt ist. Mit zehn verlor er seine Mutter: „Sie ging zum Arzt, weil sie sich müde fühlte. Ein paar Wochen später war sie tot.“ Leukämie im Endstadium, weiß Carlos von seinem Vater. „Sie hat es nicht erzählt, weil sie Rücksicht auf mich und meine Schwester nehmen wollte.“ An die Beerdigung erinnert sich Carlos genau, an die Monate danach nur noch diffus. „Ich fehlte in der Schule, hatte Bauchschmerzen, Angst vor den Reaktionen meiner Mitschüler, der Zukunft ohne meine Mutter“, zählt er auf.

Die große Schwester als Anker

Es sei hart gewesen, nur noch zu dritt beim Abendessen zu sitzen: sein Vater, seine Schwester, er. So viel Leid an einem kleinen Küchentisch.  Carlos‘ fünf Jahre ältere Schwester schreibt Briefe an ihre Mutter, liest Bücher über den Tod, um den Verlust zu verarbeiten. „Sie wollte mich mitziehen und mich und meinen Vater trösten“, sagt der 31-Jährige. Es gelingt ihr nur zum Teil.

Der Horror ging von vorne los.

Wenige Jahre später folgt der nächste Schlag. Er bringt alles ins Wanken. 1999 stirbt der Vater bei einem Unfall mit einer Baumaschine. „Der Horror ging von vorne los. Ich hatte Angst, ins Waisenhaus zu kommen“, erzählt Carlos. Doch seine Schwester, inzwischen volljährig, fängt ihn erneut auf. Aus der großen Schwester wird sein Vormund. Sie kümmert sich um die Formalitäten, zieht mit ihm in eine kleine Wohnung, kontaktiert entfernte Verwandte. „Sie gab mir Kraft. Mama und Papa sind im Herzen bei uns“, sagte sie immer. „Zeigen wir ihnen, dass wir dankbar für das sind, was sie uns gegeben haben.“ Für einen kurzen Moment ist er den Tränen nah. Dann blickt er lächelnd auf sein Babyalbum.

Die Sehnsucht bleibt ein Leben lang

Es ist viel passiert seit diesen schweren Jahren. Er arbeitet als Informatikkaufmann in einem großen Konzern. Auch privat hat er sein Glück wiedergefunden, bald wird er heiraten.Was bleibt, sagt er, sei nicht das Gefühl von Einsamkeit. „Das darf man nicht zulassen, egal wie groß der Schmerz ist.“ Natürlich fehlen ihm dennoch seine Eltern. Natürlich hätte er gerne mehr Zeit mit ihnen gehabt – den Schulabschluss, die erste Liebe, den ersten Job, vielleicht das erste Enkelkind mit ihnen geteilt.

Das ist ein großes Geschenk.

„Das Paradoxe ist: Der Verlust lehrt mich täglich aufs Neue, Zusammenhalt – ob mit Verwandten, Freunden oder Kollegen – umso mehr zu schätzen und Stärke aus dem Positiven zu ziehen. Darauf wären meine Eltern stolz. Und das ist ein großes Geschenk.“

 

* Name von der Redaktion geändert

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Bildnachweis: © Christian Albert/MEV-Verlag


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