Interview Jugendreisen

Mit Anlauf ins Vergnügen: Jugendliche wollen in ihrem Urlaub Abenteuer erleben – am liebsten ohne die Eltern.

„Jugendliche sollen ihre Grenzen austesten.“

In vielen Familien verursacht das Thema „Jugendliche allein auf Reisen“ heftige Diskussionen. Was tun? Dr. Wolfgang Ilg, wissenschaftlicher Gesamtleiter des Projekts Freizeitenevaluation, spricht über die Vorteile, dem Nachwuchs zu vertrauen. 
 

Herr Dr. Ilg, warum ist es so wichtig, Jugendlichen in puncto Alleinverreisen Verantwortung und Vertrauen zu übertragen?
Mit den Eltern auf Reisen zu gehen, wird irgendwann „uncool“. Ein erzwungener Familienurlaub verdirbt nicht nur den Jugendlichen die Laune, sondern kann auch für Eltern und jüngere Geschwister anstrengend werden. Zur Jugendzeit gehört es, den eigenen Radius auszuweiten und zunehmend selbstständig zu werden. Allerdings: Nicht alles, was an Reisen möglich ist, tut Jugendlichen gut.

Welche Form empfehlen Sie?
An die Eigenverantwortung sollten sich Jugendliche schrittweise gewöhnen. Das betrifft nicht nur Aspekte wie Alkoholkonsum oder die Notwendigkeit, nachts auch mal schlafen zu gehen. Auch eine sinnvolle Beschäftigung am Urlaubsort und die Erkundung der Umgebung werden am besten eingeübt, wenn man gemeinsam mit anderen unterwegs ist. Als erste Reise ohne Eltern empfehle ich daher eine pädagogisch begleitete Jugendreise.

Dann sind ja wieder Erwachsene dabei, verdirbt das nicht den Spaß?
Im Gegenteil. Besonders bei Jugendverbänden und kirchlichen Angeboten leiten Mitarbeiter die Freizeiten, die hervorragend ausgebildet und gut drauf sind, oft Studenten mit Erfahrung in der Jugendarbeit. Die Freizeitteilnehmer empfinden die Mitarbeiter nicht als Aufpasser, sondern eher als „erwachsene Freunde“. 

Können kumpelhafte Betreuer trotzdem verhindern, dass der Urlaub ausartet und die Jugendlichen Grenzen überschreiten?
Absolut. Bei seriösen Freizeiten achtet das Team darauf. Die Jugendlichen sollen Spaß haben und durchaus ihre persönlichen Grenzen austesten. Allerdings gibt es auch Null-Toleranz-Grenzen, etwa bei Jugendschutz-Regelungen und dem angemessenen Umgang mit Nähe und Distanz. Die geschulten Mitarbeiter sind sehr sensibel für Grenzverletzungen. Die Gruppe der Gleichaltrigen bietet einen Raum, in dem man auch über persönliche Fragen ins Gespräch kommt. Das ist eine große Chance des Reisens in der Jugendgruppe.

Dr. Wolfgang Ilg weiß, wie Jugendliche reisen.

Zur Person

Dr. Wolfgang Ilg ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Tübingen und hat zu Jugendfreizeiten promoviert. Er leitet das Projekt Freizeitenevaluation und ist Mitglied der Kammer für Bildung und Erziehung, Kinder und Jugend der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

© Julian Meinhardt

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