Jugendreisen

Mit Anlauf ins Vergnügen: Jugendliche wollen in ihrem Urlaub Abenteuer erleben – am liebsten ohne die Eltern.

Urlaub – endlich unabhängig!

Seinen Nachwuchs Stück für Stück eigene Wege gehen zu lassen, gehört zu einer gesunden Entwicklung – aber nicht immer ist das so leicht, wie es klingt. Vor allem die erste Reise von Jugendlichen ohne Begleitung der Eltern bereitet Letzteren oft Sorgen. Doch das muss nicht sein.

„Hast du alles? Soll ich dich nicht doch zum Bahnhof fahren? Rufst du an, wenn du angekommen bist?“ Cornelia Schmidt* unterdrückt den Drang, ihren Sohn festzuhalten – zumindest so gut es geht. Ohne eine für seinen Geschmack viel zu lange Umarmung lässt sie ihn dennoch nicht ziehen. 15 Jahre lang sind sie immer gemeinsam als Familie verreist, nun zieht Daniel* das erste Mal nur mit Kumpels los. In wenigen Stunden geht der Flieger.

Sicherheitsbedürfnis versus Abenteuerlust
„War das die richtige Entscheidung?“, fragt sich seine Mutter. „Eltern haben ein hohes Sicherheitsbedürfnis, das in den vergangenen Jahren noch gewachsen ist“, schildert Martina Drabner, Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Katholisches Jugendreisen. Die Ansprüche von Jugendlichen seien dagegen, Spaß zu haben, Abenteuer zu erleben und neue Leute kennenzulernen. „Allein außerhalb des normalen Alltags unterwegs zu sein, ist ihr vordergründiges Anliegen“, sagt Drabner.

Jugendliche wünschen sich Anleitung
Dabei lassen die Jugendlichen sich trotz ihres Abenteuerdrangs gerne noch unter die Arme greifen. Sie übertragen die Organisation der Reise inklusive Transfers, Unterkünften und Programm am liebsten Profis, beobachtet Kristina Oehler von ruf, einem Anbieter für betreute Reisen junger Globetrotter: „Durch den gesellschaftlichen Wandel, allem voran durch veränderte Schul- und Studienformen, wünschen sich Jugendliche heute mehr Anleitung als früher. Sie wollen einen Ansprechpartner, der zum Beispiel weiß, in welchem Supermarkt die Cola am günstigsten ist, wo man Döner essen und einen Arzt finden kann.“ Viele Reiseveranstalter machen sich dieses Bedürfnis zunutze. Das sorgt gleichzeitig für beruhigte Mütter und Väter.

Ausspannen oder etwas bewegen?
Während manche Veranstalter vornehmlich Zielgruppen bedienen, die am Strand ausspannen wollen, legen andere Organisationen ihren Schwerpunkt auf Gruppenaktivitäten mit einem pädagogischen Konzept. „Jugendliche müssen selber entscheiden, was sie möchten: einfach Spaß haben oder während der Reise etwas bewegen oder lernen“, sagt Robert Helm-Pleuger, Projektkoordinator bei der Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e. V. (IJAB). Den Möglichkeiten seien kaum Grenzen gesetzt (siehe Kasten). Er rät Jugendlichen und ihren Eltern dazu, sich am besten von einer unabhängigen Institution beraten zu lassen, wenn Wünsche und Zeitrahmen der Reise feststehen.

Jugendliche müssen entscheiden, was sie möchten.

Eltern können Einfluss nehmen
Juristisch betrachtet ist das Reisen ohne Betreuungspersonen erst ab 16 Jahren erlaubt. Deshalb kommen die Teenager nicht so ganz ohne ihre Eltern aus. Meist erfolgen Recherche und Buchung gemeinsam, sagt Oehler. So können Eltern Einfluss auf die Rahmenbedingungen nehmen – in der Hoffnung, dass alles reibungslos klappt. „Typische Fragen von Eltern sind, ob und in welchem Maß während des Aufenthaltes Betreuung vorhanden ist oder ob Jugendschutzbestimmungen eingehalten werden“, sagt Drabner. Wenn sie vom Konzept überzeugt sind, haben sie in der Regel weniger Schwierigkeiten damit, ihren Nachwuchs für ein, zwei Wochen ziehen zu lassen.


*Namen geändert.

Tipp: So lernen Eltern Loslassen 

Wollen Eltern sich und ihr Kind langsam an das voneinander unabhängige Reisen gewöhnen, bieten sich Familienreisen mit Betreuung an, wie Martina Drabner von der BAG Katholisches Jugendreisen rät. „Da sind Kinder zeitweise unter sich. Auch Fahrten übers Wochenende helfen, Verantwortung abzugeben und sich in die neue Situation einzufinden.“ Gleichaltrige – entsprechend geschulte – Betreuer für Jugendliche hätten zudem den Vorteil, Gemeinschafts- und Zugehörigkeitsgefühl zu stärken. „Für die eigene Entwicklung gibt es nichts Besseres, als ohne Eltern zu verreisen“, sagt Dennis Peinze, Geschäftsführer des Bundesforums für Kinder- und Jugendreisen: „Sie lernen, Konflikte anzunehmen und zu lösen, Verantwortung und Aufgaben in der Gruppe zu übernehmen, erfahren Selbstständigkeit und die Wirksamkeit, mit anderen etwas zu erreichen.“

„Wer einen verlässlichen Anbieter von betreuten Reisen für seinen Nachwuchs sucht, kann sich an verschiedenen Kriterien orientieren“, schildert Ralf Olk, Vorstandsmitglied des Deutschen Fachverbands für Jugendreisen, Reisenetz e. V.

Hat der Veranstalter seinen Rechtssitz in Deutschland, werden eventuelle Vorfälle automatisch nach deutschem Recht geklärt. Dies hat oft Vorteile gegenüber einem Rechtsverfahren nach ausländischen Bestimmungen.
 

Prüfen Sie vor Reiseantritt Unfall-, Kranken- und Reiserücktrittversicherung. Häufig bieten Reiseveranstalter diese im Paket an. Zudem sind sie zu einer Insolvenzversicherung verpflichtet. Vor der Reise übergeben sie den Kunden einen Sicherungsschein. Geht der Anbieter insolvent, bekommt der Kunde den Gesamtpreis (vor Reisebeginn) oder die Rückreise (nach Reiseantritt) erstattet.
 

Ein Merkmal für Seriosität des Anbieters ist seine bisherige Lebenszeit. Je länger es die Organisation gibt, desto eher kann der Kunde davon ausgehen, dass sie auf dem Markt etabliert ist.
 

Ist das Unternehmen Mitglied in einem Dach- oder Fachverband für entsprechende Reiseanbieter, arbeitet es automatisch auf Basis bestimmter Qualitätskriterien. Zudem zeugt dies von regelmäßigem fachlichen und inhaltlichen Austausch mit weiteren Institutionen, damit von Weiterentwicklung.
 

Der TÜV Nord bestätigt mit seinem Siegel „Geprüfte Service-Qualität“ die Kundenfreundlichkeit des Unternehmens, die unter anderem den Umgang mit Sonderanliegen und Reklamationen umfasst. Das Label „Geprüfte Reisenetz-Qualität“ verleiht der Deutsche Fachverband für Jugendreisen, Reisenetz e. V., und zeichnet damit ausdrücklich für junge Menschen geeignete Reisen aus. Der Bundesverband Individual- und Erlebnispädagogik hat einen erziehungswissenschaftlichen Fokus. Sein Siegel: „beQ – mit Sicherheit pädagogisch“.

Für gewöhnlich sind sämtliche notwendigen Versicherungen sowie Reise- und Verpflegungskosten im Reisepreis enthalten und entsprechend aufgeschlüsselt.

Einer Reisegruppe sollten immer mindestens zwei volljährige Betreuer zur Verfügung stehen. Angemessen geschultes Personal wurde über mehrere Tage ausgebildet, unter anderem in Reise-, Straf- und Sexualstrafrecht sowie Jugendschutz. Dies ist im für Interessenten zugänglichen Betreuungskonzept vermerkt. Überdies sollte ein Kontakt zu den Eltern jederzeit möglich sein. Vor Reisebeginn holt der Veranstalter aufgrund der ihm übertragenen Aufsichtspflicht Informationen über die Teilnehmer und Genehmigungen für Ausflüge und Aktivitäten ein. Verstöße gegen die Aufsichtspflicht führen bei Unfällen oder Schäden zu teils empfindlichen Strafen für die Betreuer. Schließt ein Veranstalter die Haftung aus – Finger weg!

Folgende Websites helfen bei der Auswahl der passenden Reise:
www.jugendreisen-kompass.de
www.juvigo.de
 

Urlaub? Ja, aber wie?

Wem Hängematte und Pool nicht reichen, kann aktiv einem Interesse nachgehen, etwa in Form einer Sprachreise, einer internationalen Jugendbegegnung mit interkulturellen Erlebnissen oder eines Workcamps mit sozialen oder Umweltprojekten vor Ort. Robert Helm-Pleuger, IJAB:  „Interessierte können zum Beispiel beim Jugendamt nach Verbänden und Organisationen fragen, die mit Jugendlichen aktiv sind. Dazu zählen Feuerwehr, Kirche, Musikschule, Vereine und viele mehr.“
 
www.rausvonzuhaus.de
www.workcamps.org
www.fdsv.de

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