Die zwei Leben des Herrn Klein

Mit 17 Jahren bekam Thorsten Klein eine neue Leber. Dass er damit Jahrzehnte lang weiterleben würde, hätte damals niemand für möglich gehalten.

Die zwei Leben des Herrn Klein

Torsten Klein wurde 1987 eine Leber transplantiert. Damals war er 17 Jahre alt. Bis heute lebt er ohne größere Einschränkungen mit dem Organ – und feiert zweimal im Jahr Geburtstag.

 

Es gibt Tage im Leben, die nicht sind wie alle anderen: der Hochzeitstag, der Tag, an dem man mit seinem Abschlusszeugnis in die Freiheit entlassen wird, der Tag, an dem das eigene Kind geboren wird. Für Torsten Klein ist einer dieser Tage der 18. Februar 1987. An diesem Tag wurde dem damals 17-jährigen Schwaben in der Uniklinik Tübingen eine Spenderleber transplantiert – und ihm damit das Leben gerettet. Noch heute, 30 Jahre später, feiert der IKK-Versicherte seitdem zweimal im Jahr Geburtstag.

 

Es begann an einem Freitag

 

Alles fing mit Wassereinlagerungen in den Beinen an. Das war im Sommer 1986. „Ein Freitag. So kurz vor dem Wochenende konnte der Hausarzt nicht mehr die nötigen Untersuchungen veranlassen, also schickte er mich ins nächste Krankenhaus“, erinnert sich Klein. Dort gingen die Ärzte zunächst von Hepatitis aus. Ein unbegründeter Verdacht, wie sich später herausstellte. Die Ärzte waren ratlos und schickten den jungen Mann weiter in die Uniklinik.

Wir wussten nicht, dass in unserer Familie jemals jemand an dieser Krankheit gelitten hat.

Diagnose: eine vererbte Stoffwechselstörung

Dort dann die Diagnose: Torsten Klein hat Morbus Wilson. Die Stoffwechselstörung verhindert, dass Kupfer, das mit der Nahrung in den Körper gelangt, wieder abgebaut wird. Es sammelt sich stattdessen in der Leber an. Die Folge ist eine Leberzirrhose. Der Gendefekt kommt meist gehäuft in Familien vor, die Kleins waren jedoch ahnungslos. „Es kann sein, dass die Krankheit eine oder mehrere Generationen überspringt. Wir wussten nicht, dass in unserer Familie jemals jemand an dieser Krankheit gelitten hat“, sagt er. Wäre es bekannt gewesen, wäre Torsten Klein nicht in diese Lage geraten, denn das fehlende Enzym kann dem Körper einfach durch Medikamente zugeführt werden.

Krankheit zu spät erkannt

Bei Klein hingegen kamen die Pillen zu spät. Der Leberschaden war bereits zu weit fortgeschritten, das Organ nicht mehr zu retten. Im Januar 1987 teilte man dem Jungen und seiner Familie die schwerwiegende Diagnose mit. Die Ärzte setzten ihn auf die Liste für ein Spenderorgan. Nur vier Wochen musste er warten. Die Operation sollte erst die siebte Lebertransplantation sein, die die Ärzte der Uniklinik Tübingen vornahmen. „Das war alles noch sehr experimentell. Damals konnte man das Organ auch nur komplett transplantieren. Dass die Leber auch zu splitten ist, hat man erst später herausgefunden. Ich war wohl erst der zweite oder dritte Patient, der die Transplantation überlebt hat. Was heute alles möglich ist, war damals noch Utopie“, erklärt Klein die besondere Dramatik der Situation vor 30 Jahren.

Zweites Leben

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Das hätte niemand gedacht.

Das erste Jahr ist besonders kritisch

Angst habe er dennoch nicht gehabt. „Vielleicht lag das aber auch daran, dass ich noch so jung war. Meine Eltern waren ziemlich fertig. Aber ich bin bis heute recht gelassen, viele können das gar nicht verstehen“, erzählt der 47-Jährige. Das erste Jahr nach einer Lebertransplantation ist kritisch. Wer das gut übersteht, hat auch gute Chancen, mit dem Organ weiterzuleben. 30 Jahre sind allerdings auch für Kleins Ärzte eine lange Zeit – zumal sie bislang ohne Probleme verlaufen sind. „Das hätte niemand gedacht“, sagt er.

Selbst Fernreisen sind kein Problem

Deshalb lässt sich der Maschinenbauer, der in Notzingen lebt, auch nicht von seiner Krankengeschichte einschränken. Klar, einmal pro Jahr muss er zur Nachsorge in die Uniklinik und er nimmt Medikamente, die verhindern sollen, dass der Körper das Organ abstößt. Auch Alkohol trinkt er kaum. „Ich dürfte schon etwas trinken. Aber ich will gar nicht erst in Versuchung geraten“, berichtet er.

Jeder sollte sich über das Thema Organspende informieren.

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Unbedarftheit statt Angst

 

Das war es aber auch schon. Mit seiner Frau reist er viel in weit entfernte Länder. Im Dezember geht es wieder nach Australien. „Auch dabei habe ich mir noch nie Gedanken über die medizinische Versorgung gemacht, auch nicht, als wir beispielsweise in Thailand waren. Meine Frau ist da etwas ängstlicher“, sagt er. Vielleicht ist seine Unbedarftheit aber auch der Grund, warum er seit 30 Jahren so gut mit dem Spenderorgan lebt.

 

In seiner Freizeit ist Klein als Rettungssanitäter für die Malteser unterwegs – vielleicht Folge seiner Krankheit. Ein Jahr nach der Transplantation hat er nämlich auf dem heimischen Marktplatz Organspendeausweise verteilt. „Das war alleine irgendwie langweilig. Die Malteser hatten auf dem Markt einen Infostand. Da habe ich einfach gefragt, ob ich mich dazusetzen darf.“ Von deren Arbeit war er sofort begeistert und von da an Teil der Gruppe. Heute macht er nicht mehr aktiv Werbung für die Organspende. Er wird allerdings immer wieder von Schulen oder der Lokalpresse gebeten, über seine Transplantation und sein Leben mit einem Spenderorgan zu berichten.

Lebensretter: unbekannt

Tausende warten auf ein Spenderorgan

Mehrere tausend Menschen befinden sich momentan in Deutschland in der Lage, in der auch Klein war. Sie warten auf ein Spenderorgan. Dennoch liegt es Klein fern, gebetsmühlenartig jeden, den er kennt, zum Spendeausweis zu drängen. „Ich will niemanden zwingen, das ist eine sehr persönliche Entscheidung. Ich erwarte aber schon, dass sich jeder Gedanken über das Thema macht. Denn mein Fall zeigt, dass man schneller in diese Situation kommen kann, als man denkt.“

Der Spender bleibt unbekannt

Wem er sein Leben zu verdanken hat, weiß Torsten Klein nicht. „Mir wurde nur gesagt, dass der Spender aus der Gegend sein soll“, sagt er. Bisher habe er immer darauf verzichtet, nach seinem Spender zu suchen, weil er die Familie in ihrer Trauer nicht stören wollte. Zu seinem 30. Jubiläum im Februar hat er aber plötzlich den Wunsch verspürt, mit der Familie in Kontakt zu treten. Wahrscheinlich zu spät. Die Unterlagen sind in der Zwischenzeit vernichtet worden.

Mehr Informationen zum Thema Organspende gibt es hier.

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Bildnachweis: © Ulrich Metz/Schwäbisches Tagblatt


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