Neue Kapitel

Sich im Alter zur Ruhe setzen? Auf keinen Fall. Viele Menschen schlagen im Ruhestand noch einmal ein ganz neues Kapitel im Leben auf.

Neue Kapitel

Drei Menschen, drei ganz unterschiedliche Lebenswege und doch haben Carmela Röhr, Rolf Helmerdig und Frauke van Ginneken etwas gemeinsam: Im Alter haben sie noch einmal ein ganz neues Lebenskapitel aufgeschlagen und wissen: Gerade jetzt gibt es noch viele Abenteuer zu erleben.

"Wie das Paradies auf Erden"

Zum Start ihres Rentnerdaseins ging Carmen Röhr nach China.

Zum Start ihres Rentnerdaseins ging Carmen Röhr nach China.

© privat

Abenteuerlich war der erste Einsatz von Carmela Röhr aus Handorf bei Hamburg definitiv. 2014 entschied sich die heute 64-Jährige, als Granny-Aupair nach China zu gehen und dort ein neun Monate altes Mädchen zu betreuen. „Das fremde Land war nicht das Problem, aber die Betreuung der Kleinen eine wirkliche Herausforderung“, erinnert sich Carmela. In China sei der Anspruch an Erziehung einfach ein ganz anderer. Doch trotz anfänglicher Schwierigkeiten meisterte sie die Situation, und die drei Monate in Hangzhou sind bis heute eine unvergessliche Zeit für sie.

„Ich bin schon immer viel gereist, aber solch tiefe Einblicke in das Land und die Lebensweise der Menschen habe ich noch nie bekommen.“ Die ehemalige Versicherungsangestellte pflückte Tee mit chinesischen Frauen, sah atemberaubende Landschaften und bummelte ganz allein über den Nachtmarkt in Hangzhou. Kaum zurück in Deutschland, zog es sie gleich wieder in die Ferne. Dieses Mal zu einer Familie in Pretoria in Südafrika. „Es war wie das Paradies auf Erden. Einfach nur toll“, schwärmt sie.

Doch nicht nur das atemberaubend schöne Land und die Offenheit der Menschen begeisterten sie. Auch mit der Familie verbindet sie mittlerweile eine tiefe Freundschaft. Dreimal war sie wieder als Leih-Oma bei der Kölnerin, ihrem peruanischen Mann und den drei Kindern. Dieses Jahr half sie ihrer „zweiten Familie“ beim Umzug nach Washington. Von Altersmüdigkeit keine Spur, im Gegenteil. „Je älter ich werde, desto verrückter werden die Reisen.“ Ihr Motto: „Nicht soviel denken! Einfach machen. Nach jeder Reise werde ich wieder viel wacher für den Alltag“, sagt sie.

"Das hat meinen Horizont erweitert"

Rentner: neue Kapitel

Rolf Helmerding wollte auch nach dem Job weiterhin eine sinnvolle Tätigkeit ausüben.

© privat

Wach bleiben, nicht einrosten  –  das war auch für Rolf Helmerdig der Antrieb, etwas Neues zu wagen. Mit 58 Jahren ging der heute 73-Jährige in den Vorruhestand. Vorher arbeitete er 30 Jahre lang als Diplomkaufmann beim Otto-Konzern, zuletzt im Vorstandsstab. Doch einfach nur den wohlverdienten Ruhestand genießen, das war nichts für Helmerdig. „Ich bin nicht der Typ, der tagein, tagaus mit Zeitung lesen oder spazieren an der Alster verbringen will. Ich wollte weiter eine Aufgabe haben, die mich ausfüllt“, sagt er.

Durch Zufall stieß er auf das Angebot des Senior Expert Service (SES). Erfahrene deutsche Ruheständler geben im In- und Ausland ehrenamtlich ihr Wissen weiter. Bezahlt werden Flüge, Unterkünfte und die Verpflegung. "Das passt", dachte sich Helmerdig, denn Reisen war schon immer ein Hobby von ihm. Also überlegte der Hamburger nicht lange und bewarb sich beim SES. Wenig später kam die erste Anfrage: Ein Einkaufszentrum im russischen Tscheljabinsk wollte die Nutzung seiner Fläche verbessern. Helmerdig packte sofort seine Koffer und flog im Januar 2002 nach Sibirien. Eine einzigartige Erfahrung. „Man muss sich so schnell auf die neue Situation einstellen, da haben die grauen Zellen keine Chance einzurosten.“

Seitdem war er schon 25 Mal auf der ganzen Welt im Einsatz. Er verbesserte Abläufe an einer Universität in der Ukraine, löste Probleme bei einem Textilunternehmer in Pakistan und half einem Wagenbauer auf den Philippinen. „Das hat meinen Horizont erweitert.“ Und auch die Sicht auf das Potenzial, das in seiner Lebenserfahrung steckt. „In Fernost gilt Alter als Gütesiegel und Männer mit grauen Haaren als weise“, erzählt Helmerdig. Gerade wartet er auf einen neuen Einsatz: „Das Gefühl zu helfen und Verbesserungen zu bewirken, geben mir ein wahnsinnig tolles Gefühl. Das ist mit Geld nicht aufzuwiegen.“

"Zeit, mich zu verwirklichen"

Frauke van Ginneken bringt Touristen als Gästeführerin die Vergangenheit der niedersächsischen Stadt Soltau nahe.

Frauke van Ginneken bringt Touristen als Gästeführerin die Vergangenheit der niedersächsischen Stadt Soltau nahe.

© privat

Nicht immer muss der Weg zum Glück in die Ferne führen. Bei Frauke van Ginneken lag das neue Kapitel ihres Lebens ganz nah. Als die ehemalige Leiterin einer Kindertagesstätte und Frauenbeauftragte aus Soltau mit 65 Jahren in den Ruhestand ging, schlüpfte sie in eine ganz neue Rolle und machte eine Ausbildung zur Gästeführerin. Als kunterbunte Kreiselfrau verkleidet, versetzt die heute 73-Jährige Besucher in die Vergangenheit der niedersächsischen Stadt Soltau zurück.

Zu Anfang hatte van Ginneken sich viele Dinge überlegt, die sie mit der gewonnen Zeit im Ruhestand machen könnte. Von Brötchen backen bis Zeitungen austragen. Doch eines stand für sie fest: „Ich wollte nicht nochmal in die Tretmühle zurück. Keinen festgezurrten Terminplan haben.“  Willkommen war daher damals die Anfrage der Stadt, Eventführungen zu machen. „Das passte perfekt! Ich liebe den Kontakt zu Menschen und Geschichten zu erzählen“. Bereits im Berufsleben hatte sie eine Ausbildung zur Märchenerzählerin gemacht.

„Jetzt habe ich endlich die Zeit, mich zu verwirklichen.“ Neben den Führungen durch Soltau und die Lüneburger Heide gibt van Ginneken Seminare im Märchenerzählen und erzählt so oft es geht selbst welche bei Festen, in Kindergärten und Schulen oder auf Hochzeiten. Das nächste Projekt steht allerdings schon an: „Ich will die Ausbildung zum Clown machen und traurige Menschen zum Lachen bringen“, sagt sie. Als „kunterbunt“ beschreibt sie ihr jetziges Leben. „Schon als kleines Mädchen habe ich zu meinem Vater gesagt: Ich sorge dafür, das mein Altwerden Spaß macht.“

Passende Artikel

Bildnachweis Header: © Phil Ashley/Stone/Getty Images


Nächster Artikel

Seniorenteller – Warum Ältere ihre Ernährungsgewohnheiten überdenken sollten

mehr
Einmal Seniorenteller, bitte!