Schneller, stärker, fitter

Sport bis zur völligen Erschöpfung?

Schneller, stärker, fitter

Bewegung ist gesund! Das ist grundsätzlich auch richtig. Doch wenn dem Sport alles andere untergeordnet und nicht mehr aus Lust, sondern aus einem inneren Zwang heraus trainiert wird, ist etwas aus dem Lot geraten. Im schlimmsten Fall kann Sport zur Sucht werden. Und das ist alles andere als gesund. Drei Fragen an den Sportpädagogen Frank Hahn – er arbeitet als Gesundheitsexperte für Sport und Bewegung bei der IKK classic.

Porträt von Frank Hahn

IKK-Gesundheitsexperte Frank Hahn.

© IKK classic

 

Wann wird Sport zur Sucht?
 

Frank Hahn: Die Grenze zur Sucht ist überschritten, wenn das Verhalten die Person kontrolliert und nicht umgekehrt. Das Training dominiert das komplette Leben. Andere Aktivitäten und das soziale Umfeld geraten in den Hintergrund. Freunde, Familie und selbst der Beruf werden vernachlässigt. Verletzungen und Schmerzen werden ignoriert, Erschöpfungssignale einfach ausgeblendet. Trainiert wird buchstäblich bis zum Umfallen. Das hat natürlich negative Konsequenzen für Körper und Gesundheit. Bei der Sportsucht gibt es Merkmale – ähnlich wie bei anderen Abhängigkeiten: Entzugserscheinungen mit nervöser Unruhe, depressiven Verstimmungen, Aggressivität und Schlafstörungen. Sportsüchtige nehmen ihre eigene Abhängigkeit selten wahr und leugnen sie meistens.

beta-Endorphin versetzt in eine Art Rauschzustand

Warum macht Sport süchtig?

Frank Hahn: Darauf hat die Wissenschaft noch keine eindeutige Antwort. Eine Erklärung ist, dass es etwas mit dem Beta-Endorphin zu tun hat. Das ist ein Stoff, den der Körper bei großer Anstrengung ausschüttet und der ihn in eine Art Rauschzustand versetzt. Er wirkt euphorisierend und schmerzlindernd. Eine andere Theorie geht davon aus, dass es etwas mit der Hirntätigkeit während körperlicher Anstrengung zu tun hat – und zwar speziell in einem Bereich der Großhirnrinde, in dem mentale Prozesse wie Nachdenken oder Planen stattfinden. Unter körperlicher Belastung werden diese Aktivitäten herunterreguliert. Dadurch entsteht ein Zustand, der als angenehm empfunden wird. Man ist wie betäubt und vergisst praktisch seine Probleme oder Sorgen. In jedem Fall spielt die individuelle Persönlichkeit eine Rolle. Menschen mit geringem Selbstwertgefühl und übersteigertem Perfektionismus haben ein größeres Risiko, eine Sportsucht zu entwickeln. Neben der primären Sportsucht, bei der tatsächlich der Bewegungszwang der Auslöser für die Sucht ist, gibt es auch die sekundäre Sportsucht. Diese sattelt sozusagen auf eine Grunderkrankung auf – ist also eine ihrer Folgen. In erster Linie sind dies Essstörungen wie Magersucht oder Bulimie oder eine gestörte Körperwahrnehmung. Betroffene wollen durch exzessiven Sport möglichst viele Kalorien verbrennen und Gewicht verlieren.

Alleine wird man das kaum in den Griff bekommen.

Wo gibt es Hilfe?

Frank Hahn: Alleine wird man die Sucht kaum in den Griff bekommen. Wer befürchtet, sportsüchtig oder zumindest gefährdet zu sein, sollte zuerst mit seinem Hausarzt reden. Der wird, nachdem er die Diagnose gestellt hat, mit dem Betroffenen die mögliche Therapie besprechen, den Patienten ggf. an einen Facharzt überweisen – beispielsweise an einen Psychiater – und entscheiden, ob eine Behandlung ambulant oder stationär durchgeführt wird. Ziel der Therapie wird sein, die Kontrolle über das eigene Verhalten zurückzugewinnen und wieder ein gesundes Gleichgewicht aus Leistung und Regeneration zu finden. Im Gegensatz zu anderen Süchten ist bei der Sportsucht eine lebenslange Abstinenz vom suchtauslösenden Faktor nicht notwendig.

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