Jugendliche verarbeiten ihre Suchterfahrungen in der Familie mit Theater

Negative Erlebnisse werden auf der Bühne verarbeitet.

Theater als Therapie

Schauspielern gegen die Sucht – kann das funktionieren? Ja, das funktioniert, ist sich Günter Döker sicher: Der 61-Jährige ist Leiter der Theatergruppe „GrOße Freiheit“ in Gescher, einer Kleinstadt bei Münster in Nordrhein-Westfalen. Und „GrOße Freiheit“ ist nicht irgendeine Theatergruppe, sondern eine kreative Spielwiese für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene aus suchtmittelbelasteten Familien.

Theatergruppe „GrOßeFreiheit“ aus Gescher bei Münster für Kinder aus Familien mit Suchtkranken

Günter Döker leitet die Theatergruppe.

© GrOße Freiheit

„Seit 2011 sind wir fester Bestandteil der Suchtkrankenhilfe“, erzählt Döker über seine Gruppe, die momentan neun Teilnehmer zwischen 10 und 18 Jahren zählt. Diese Jungen und Mädchen stark zu machen, sei das oberste Ziel von „GrOße Freiheit“, unterstreicht Döker. „In unserer Theaterarbeit stellen wir Szenen aus dem Alltag in ihren Suchtfamilien nach“, erläutert der systemische Berater für Traumatherapie. „Dabei spielt ein Kind, das aus einer Suchtfamilie kommt, seine eigene Rolle als Kind dieser Familie, während andere Gleichaltrige in die Rolle seiner Eltern schlüpfen.“

Die GrOße Freiheit auf der Bühne

Ich habe keine Schuld!

Kinder gewinnen Abstand

Die Tatsache, dass sie in ihrem Spiel dieselben Verhaltensweisen der Eltern nachstellten, parallel aber ja nicht die Eltern seien, sondern fremde Menschen, schaffe für die Kinder eine gesunde Distanz zu sich selbst, zu ihren Eltern und zur Gesamtsituation in der Familie. Aus diesem neuen Abstand heraus, der vorher nicht da war, verliere der Blick des Kindes auf die Situation seine Härte. „Der Blick des Kindes auf die Situation wird weicher – seinen Eltern gegenüber und auch sich selbst“, erklärt Döker.

Vor allem Letzteres könne einen Prozess einleiten, sich selbst gegenüber Verständnis dafür zu haben und zu verzeihen, dass man die eigenen Eltern nicht retten kann. Und damit langfristig zu begreifen, dass man als Kind im Grunde gar keine Schuld an der Situation hat. „Denn das denken ja leider viele Kinder von sich, dass Mama und Papa nur Drogen konsumieren, weil mit ihnen irgendetwas nicht stimmt“, so der Gruppenleiter.

Theatergruppe "GrOße Freiheit" aus Gescher bei Münster für Kinder aus Familien mit Suchtkranken

Die Theatergruppe "GrOße Freiheit" aus Gescher bei Münster.

© GrOße Freiheit

Die besondere Mischung kommt an


Döker, eisgrauer Vollbart, freundliche Augen hinter Brillengläsern, leitet seine Gruppe mit viel Überzeugung, ausgeprägtem persönlichem Engagement. Zu seinem achtköpfigen Team von „GrOße Freiheit“ zählen neben versierten Pädagogen und Psychologen auch ein Schauspiel-Coach, eine Filmemacherin und eine Theaterpädagogin. Gemeinsam mit ihren jungen Schützlingen haben sie schon zahlreiche Projekte auf die Beine gestellt, so etwa das Theaterstück „Machtlos“ über eine Familie, in der ein alkoholkranker Vater in einer Suchtklinik landet und von hier aus wieder Kontakt zu seinen Kindern bekommt.

Ein erwachsenes Thema, umgesetzt mit kindlich-jugendlichem Charme und hohem Einfühlungsvermögen, da die jungen Schauspieler ja aus ihrem eigenen Seelenleben heraus spielen können – diese Mischung kommt an, verrät Döker. „Unser Theaterstück ,Machtlos‘ wird immer wieder von Schulen, Selbsthilfeverbänden oder Suchtkliniken angefragt, darauf sind wir sehr stolz“, freut er sich. Und so macht seine Gruppe ihrem Namen alle Ehre: Freiheit nicht nur für sich selbst, sondern für andere – das ist dann wirklich große Freiheit.

Wenn Mama und Papa süchtig sind

Etwa 60.000 Kinder in Deutschland leben mit einem drogenabhängigen Elternteil, die Dunkelziffer liegt sicherlich noch deutlich höher. Diese Schätzung geht aus dem „Drogen- und Suchtbericht 2017“ hervor, den die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, in Berlin vorgestellt hat. Jeder siebte Jugendliche werde zudem mit Alkoholproblemen bei der Mutter oder dem Vater konfrontiert, so Mortler: „Wenn wir die betroffenen Kinder nicht unterstützen, entwickelt ein Drittel von ihnen selbst eine Suchterkrankung und ein weiteres Drittel eine andere psychische Störung“ – umso wichtiger also solche Angebote, wie die der Theatergruppe „GrOße Freiheit“ in Gescher!

Passende Artikel

Bildnachweis Header: © R?veyda Doganay / EyeEm/Getty Images


Nächster Artikel

Schneller, stärker, fitter – Gesundheitsexperte Frank Hahn weiß, ab wann Bewegung nicht mehr gesund ist.

mehr
Eine Frau treibt Sport und überanstrengt sich