Den Blickwinkel ändern

Hin und wieder ist es gut,
seine Lebenseinstellung auf
den Prüfstand zu stellen. Aber wie ändert man seinen Blickwinkel? Erik Stettmer, 54 Jahre alt und Zahntechnikermeister, überlebte einen Schlaganfall. Das war sein Wendepunkt.

„Wenn es anders laufen muss, geht das Leben auch weiter“

Völlig ruhig und doch kraftvoll steht Erik Stettmer auf einer Wiese. Die Bewegungen des 1,95 Meter großen Mannes gehen fließend ineinander über, seine Gesichtszüge sind entspannt, sein Blick ist zentriert. Mit Tai Chi hat der 54-Jährige gelernt, Ruhe zu finden und gleichzeitig Kraft zu tanken für seinen Alltag. Denn der hat sich vor mehr als zwei Jahren für ihn schlagartig verändert.

 

Im Juli 2016 erlitt der Zahntechnikermeister einen schweren Schlaganfall. Halbseitig gelähmt und nicht mehr in der Lage zu sprechen, wurde er von seinem Heimatort Tittmoning im Chiemgau erst in die Klinik nach Traunstein gebracht und letztlich mit dem Hubschrauber in das Klinikum rechts der Isar nach München geflogen.

 

Glück im Unglück

Damit hatte Erik Stettmer großes Glück im Unglück. Denn das Münchner Krankenhaus war zu diesem Zeitpunkt deutschlandweit eines von wenigen, das in der Lage war, ihn zu retten. Stettmer erlitt einen ischämischen Schlaganfall, bei dem ein Blutgerinnsel hirnversorgende Arterien von der Sauerstoffzufuhr verschließt. Damit das dahinterliegende Hirngewebe nicht abstirbt, bleibt den Ärzten nur ein Zeitfenster von wenigen Stunden. Spezialisten setzten bei Stettmer eine neue Technik ein, die es ermöglicht, das Blutgerinnsel sehr schnell aus dem Gehirn zu entfernen. Der schonende Eingriff mittels Katheter, der durch die Leiste bis zur betroffenen Arterie geschoben wurde, gelang und Stettmers Gehirn trug verhältnismäßig geringe Schäden davon.

Das Leben umkrempeln

„Für mich haben gleich mehrere Wunder auf einmal stattgefunden“, formuliert der 54-Jährige rückblickend. Denn nicht nur der Rettungseinsatz an sich verlief optimal, auch seine Lähmungserscheinungen und der Sprachverlust waren bereits drei Tage nach dem Eingriff so gut wie verschwunden. Der Schock trat bei Stettmer dann allerdings in der Reha ein. Dort realisierte er erst, was alles hätte passieren können: „Ich traf auf Menschen, die nicht mehr sprechen konnten und im Rollstuhl saßen.“ Es war für ihn der Zeitpunkt, an dem er den Entschluss fasste, sein Leben umzukrempeln. „Mir war plötzlich klar: Wenn ich so weitermache wie bisher, geht das nicht gut.“

Eigentlich geht es mir besser als zuvor.

Bis an die Belastungsgrenze

Kein leichter Schritt für den Zahntechnikermeister, der seit 27 Jahren seinen eigenen Betrieb leitet. „Ich habe immer sehr viel um die Ohren gehabt und bin oft bis an meine Belastungsgrenze gegangen“, erklärt er. Doch nach der Rückkehr in seinen Betrieb merkte Erik Stettmer schnell, dass das nicht mehr ging. „Man sieht es mir zwar nicht an, aber durch den Schlaganfall haben sich einige grundlegende Dinge bei mir geändert. Ich brauche deutlich mehr Ruhepausen als früher und kann auch nicht mehr so lange am Stück konzentriert arbeiten“, beschreibt er seine neue Lebenssituation. Doch Frust ist bei dem zweifachen Familienvater deshalb nicht herauszuhören. Im Gegenteil. So erklärt er: „Eigentlich geht es mir besser als zuvor. Ich habe einfach gemerkt, dass ich eben nicht alles sofort und am besten gestern machen muss. Und dass das Leben auch weitergeht, wenn es anders läuft.“

Ruhe an erster Stelle

So achtet er auf Ruhepausen, gönnt sich öfter mal Urlaub und schult seinen Geist und Körper durch Thai-Chi und Konzentrationsübungen. Viel Rückhalt erfährt er zudem durch seine Frau und seine zwei erwachsenen Töchter sowie durch sein dreiköpfiges Team. Auch für seinen Betrieb hat er einen neuen Plan: „Ich suche einen jungen Meister, der mich entlasten kann und auch Interesse daran hat, Teilhaber zu werden oder in ein paar Jahren meinen Betrieb zu übernehmen.“ Denn an erster Stelle stehen für Erik Stettmer nun innere Ruhe und Gelassenheit. „Und darin investiere ich weiter.“  

 

Interessierte Zahntechnikermeister können gerne Kontakt aufnehmen unter der E-Mail-Adresse: info@stettmer.de

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Wie schaffe ich es, wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen?

Akzeptieren Sie zunächst einmal aufkommende Gefühle wie Verzweiflung, Angst und Wut. Diese sind völlig normal, wenn das bisherige Leben völlig aus den Fugen geraten ist. Schreiben Sie Ihre Gedanken und Gefühle auf oder vertrauen Sie sich einem nahestehenden Menschen an. Planen Sie Tag für Tag kleine Schritte, die für Sie machbar sind. So stärken Sie Ihr Selbstwertgefühl und geben Ihrem Alltag einen Sinn.

 

Was ist der wichtigste Folgeschritt?

Ich rate Patienten sogar dazu, nach einem Herzinfarkt wieder Sport zu treiben. Tiefseetauchen und das Besteigen des Himalajas sollte man lassen, aber fast alles, was dazwischenliegt, ist erlaubt. Tatsächlich steigt bei intensivem Sport das Kurzzeitrisiko für einen Herzinfarkt, langfristig sinkt es aber durch Bewegung. Selbst ein Marathonlauf ist unter bestimmten Voraussetzungen nach einem Infarkt noch möglich.

 

Wie motiviere ich mich für meinen veränderten Alltag?
Konzentrieren Sie sich voll und ganz auf die Möglichkeiten, die Sie in Ihrer neuen Situation haben. Suchen Sie nach möglichen Gewinnen, die Ihre Krankheit für Sie haben könnte. Bleiben Sie neugierig und probieren Sie Dinge aus, die die neue Lebensphase mit sich bringt. Loben Sie sich für jeden kleinen Erfolg.

 

Weitere Infos unter www.psychotipps.com

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