Ist die Luft rein?

Ist die Luft rein?

Luft ist der Treibstoff des Lebens. Acht Liter des Gasgemischs fluten und verlassen pro Minute unsere Lungen. Es besteht vor allem aus dem biologisch vollkommen neutralen Stickstoff, unschädlich, nicht wahrnehmbar, nicht verwertbar. Jedes fünfte Teilchen aber ist Sauerstoff und als sprichwörtlicher Brennstoff für die Energiefabriken unserer Zellen lebenswichtig.

 

Der reaktionsfreudige Sauerstoff würde in der Luft um uns her tatsächlich brennen – wäre da nicht der träge Stickstoff um ihn herum. Sauerstoff gezähmt von Stickstoff – chemisch betrachtet ist das die „reine“ Luft. Sie gibt es nur in Laboren und Taucherflaschen.

 

Die echte Luft ist schon von Natur aus verunreinigt. So geben Vulkane genau wie Fabrikschlote Schwefeldioxid ab, Blitze lassen die Luft zu Stickoxiden reagieren, Buschbrände und Wüstenwinde verteilen feine Stäube um den Erdball und das atmende, verdauende und sich fortpflanzende Leben füllt die Atmosphäre mit Kohlendioxid, Methan und Pollen. Alles Bestandteile, die starke Abwehrreaktionen und langfristige Schäden in den Atemwegen hervorrufen können.

Besonders hohe Werte im Winter

Während zum Beispiel das als Dieselmotoren-Abgas anfallende Reizgas Stickstoffdioxid auf dem Land mit etwa zehn Mikrogramm pro Kubikmeter Luft vertreten ist, müssen Menschen, die in Stuttgart leben, regelmäßig mit dem 20-Fachen dieser Menge zurechtkommen. Bei Feinstaub ist es sogar das 60-Fache.

 

„Besonders hohe Werte messen wir im Winter“, erklärt Ute Dauert, Meteorologin beim Umweltbundesamt. „Bei den so genannten Inversionswetterlagen. Dann schiebt sich ein Deckel aus kalter, dichter Luft über die bodennahen lockeren Schichten. Die Hinterlassenschaften von Schornsteinen und Auspuffen können dann nicht mehr nach oben entweichen und sammeln sich in einer Dunstglocke über dem Land.“

 

Durch seine Lage in einem Talkessel ist dieser Effekt in Stuttgart besonders stark. Aber die Schwabenmetropole ist trotzdem mehr Regel als Ausnahme. „In jeder größeren deutschen Stadt wird zum Beispiel im Laufe des Winters über den Tag hinweg gerechnet die Schwelle von 50 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter überschritten“, sagt Dauert. Nur wird deswegen kein Alarm ausgelöst: Die Behörden müssen erst etwas gegen eine so hohe Feinstaubkonzentration unternehmen, wenn diese Grenze an 36 Tagen im Jahr überstiegen wird.

Feinstaub belastet nicht nur die Lunge

Das meiste, was man heute über die Wirkung der verschmutzten Luft auf die Gesundheit der Menschen sagen kann, ist Statistik – und hilft im Einzelfall nicht weiter. Klar ist nur, dass Menschen, die an vielbefahrenen Straßen wohnen, früher sterben.

 

Wer an Asthma leidet oder kleine Kinder hat, sollte solche Orte meiden: Stickstoffdioxid etwa verstärkt vorhandene Entzündungsprozesse und behindert das Lungenwachstum.

 

Wolfgang Straff, Leiter der Umweltmedizin im Umweltbundesamt, macht der feine Staub in der Großstadtluft die meisten Sorgen. Er ist schwer einzuschätzen, handelt es sich doch um ein wildes Gemisch aller möglichen Teilchen und daran angelagerter Chemikalien. „Feinstaubpartikel belasten nicht nur die Lunge, inzwischen gibt es klare Hinweise, dass sie auch bei der Entstehung von Diabetes, Bluthochdruck, neurologischen Krankheiten oder Allergien beteiligt sind“, sagt Straff.

Das Motiv zeigt, wo die Luft in Deutschland besonders dreckig ist

Grafik: Klaus Niesen

Während die Verschmutzung der Luft durch Feinstaub und Schwefeldioxid seit den 80er Jahren deutlich zurückgeht, steigt der Anteil von Stickstoffdioxid in der Großstadtluft immer weiter an. Denn bei diesem Verbrennungsrückstand greifen die inzwischen überall eingebauten Filter nicht. Als Hauptquelle des Reizgases gelten nach wie vor Dieselmotoren – Thema der aktuellen Dieseldebatte. In unserer Infografik zeigen wir eine Auswahl derjenigen Bundesländer und Städte Deutschlands, in denen die Stickstoffdioxid-Belastung im vergangenen Jahr besonders hoch war (Quelle: Umweltbundesamt). Bei Stickstoffdioxid darf die Belastung über das Jahr gerechnet im Schnitt 40 µg/m³ nicht überschreiten. Zum Schutz der Vegetation wird sogar ein kritischer Wert von 30 µg/m³ als Jahresmittelwert verwendet. In unserer Grafik links sehen Sie, in welchen Städten in Deutschland die Luft durch Stickstoffdioxid im Jahr 2016 besonders verschmutzt war – je größer die blaue Wolke, desto dreckiger die Luft! Erfahren Sie jetzt, wie hoch die Werte in den einzelnen Städten 2016 lagen – und warum Stuttgart im vergangenen Jahr eine Sonderrolle in Sachen Feinstaub einnahm:

Stuttgart, Am Neckartor: Der Jahresmittelwert für Stickstoffdioxid lag 2016 bei 82 µg/m³. An der verkehrsnahen Messstation am Stuttgarter Neckartor wurde außerdem als einzigem Ort in Deutschland 2016 der EU-Grenzwert für Feinstaub überschritten – und das sogar an mehr als 35 Tagen im Jahr. Der Tagesmittelwert für PM10-Partikel – Feinstaub-Partikel mit einem Durchmesser von zehn Mikrometern.

 

München, Landshuter Allee: Der Jahresmittelwert für Stickstoffdioxid lag 2016 bei 80 µg/m³.

Kiel, Theodor-Heuss-Ring: Der Jahresmittelwert für Stickstoffdioxid lag 2016 bei 65 µg/m³.

Köln, Clevischer Ring: Der Jahresmittelwert für Stickstoffdioxid lag 2016 bei 63 µg/m³.

Hamburg, Habichtstraße: Der Jahresmittelwert für Stickstoffdioxid lag 2016 bei 62 µg/m³.

Limburg, Schiede 28–30: Der Jahresmittelwert für Stickstoffdioxid lag 2016 bei 60 µg/m³.

Hannover, Friedrich-Ebert-Straße: Der Jahresmittelwert für Stickstoffdioxid lag 2016 bei 55 µg/m³.

Mainz, Parcusstraße: Der Jahresmittelwert für Stickstoffdioxid lag 2016 bei 53 µg/m³.

Berlin-Neukölln, Silbersteinstraße: Der Jahresmittelwert für Stickstoffdioxid lag 2016 bei 52 µg/m³.

Halle, Paracelsusstraße: Der Jahresmittelwert für Stickstoffdioxid lag 2016 bei 46 µg/m³.

Dresden, Bergstraße: Der Jahresmittelwert für Stickstoffdioxid lag 2016 bei 45 µg/m³.

Potsdam, Zeppelinstraße: Der Jahresmittelwert für Stickstoffdioxid lag 2016 bei 43 µg/m³.

Bremen, städtisches Gebiet: Der Jahresmittelwert für Stickstoffdioxid lag 2016 bei 41 µg/m³.

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Bildnachweis Header: Berlin Smog © Dieter Palm/Getty Images


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