Kolumne

Was der Bismarckhering mit einer Leberwurscht-Bemme zu tun hat? Unser Kolumnist erklärt es Ihnen

Zuckerbrot und Peitsche

Erik Lehmann – der Kabarettist Ihres Vertrauens

 

Auch wenn man bei Zuckerbrot nicht gleich an einen Bismarckhering denken mag, so war es doch Reichskanzler Otto von Bismarck, der im Jahre 1887 erstmals die Redewendung von „Zuckerbrot und Peitsche“ verwendete und damit die Bindung der Arbeiterschaft an den Staat durch die Sozialgesetzgebung und gleichzeitig die Unterdrückung der Sozialdemokratie durch die Sozialistengesetze meinte. So sollte mit der staatlichen Einführung von Unfall- und Krankenversicherung der sozialistischen Bewegung der Wind aus den Segeln genommen werden.

Das Kalkül ging aber nicht auf, denn die Sozialdemokratie gewann über die Jahre an Zulauf. Und auch wenn die Geschichtsforscher heute Bismarcks Sozialgesetze als seine größte innenpolitische Leistung anerkennen, so war er seinerzeit, nach dem Scheitern seines Planes, sauer wie der nach ihm benannte Hering. Lange Zeit galt der Hering als „Arme-Leute-Essen“ und doch ist er in manchen Gegenden nach wie vor ein traditionelles Gericht zum soeben hinter uns liegenden Weihnachtsfest. Ein geschmacklicher Kontrast zum zahlreich vorhandenen weihnachtlichen Zuckerbrot in Form von Stollen, Pfefferkuchen, Marzipan und Zimtgebäck.

Schon die Figur des Nikolaus, für den die Kinder, in Erwartung von Leckereien, am Vorabend des 6. Dezember die blank geputzten Stiefel vor die Tür stellen, ist für Historiker und Erziehungswissenschaftler gleichermaßen ein Symbol für die Koexistenz von Lohn und Strafe bei der Erziehung. Denn der heilige Nikolaus bringt dem Brauchtum zufolge nicht nur Süßes für die guten Kinder, sondern hat auch seinen Begleiter Knecht Ruprecht dabei, der die bösen Kinder mit der Rute bestrafen soll. Und schon Martin Luther wusste über den kindlichen Gehorsam im Jahre 1537 zu berichten: Man solle „die Kinder und Schüler also strafen, dass allewege der Apfel neben der Ruten ist“.


Ganz anders referierte da Freiherr Knigge in seinem 1788 erschienenen Standardwerk „Über den Umgang mit Menschen“. Im Kapitel „Vom Umgang unter Eltern und Kindern“ schrieb er: „Sie (die Eltern) behandeln ihre erwachsenen Söhne und Töchter immer noch als kleine Unmündige, gestatten ihnen nicht den geringsten freien Willen und trauen den Einsichten derselben nicht das Mindeste zu. Das alles sollte nicht so sein.“

Auch wenn es noch über 150 Jahre dauerte, bis sich dieser aufklärerische Gedanke bei fast allen durchsetzte, ist es schon erstaunlich, dass dazwischen von eingefordertem Kadavergehorsam bis völliger Erziehungsverweigerung alles dabei war. Mittlerweile erleben wir viele Kinder als kleine Tyrannen und Narzissten, umgeben von einer fragwürdigen Mischung aus Helikopter-Eltern und Super-Nanny-Anwärtern. Vielleicht einigen wir uns deshalb nach zu viel Zuckerbrot oder Peitsche einfach auf eine Leberwurscht-Bemme und klare Worte.

Kabarettist Erik Lehmann gehört zum Ensemble der Herkuleskeule Dresden. Für seine scharfzüngigen Auftritte ist er mehrfach ausgezeichnet worden.

Der Autor

Kabarettist Erik Lehmann gehört zum Ensemble der Herkuleskeule Dresden. Für seine scharfzüngigen Auftritte ist er mehrfach ausgezeichnet worden. www.knabarett.de

© Mike Hätterich

Passende Artikel

Bildnachweis Header: © rdnzl - stock.adobe.com


Nächster Artikel

Jahreswechsel – Wir zeigen Ihnen, welche guten Neuigkeiten 2018 mit sich bringt

mehr
Das Bild zeigt ein Sparschwein, in das Geldstücke hineinregnen