"Lieber tief durchatmen!"

Dampf abzulassen, ist ungesund, sagt der Hamburger Stressforscher Prof. Christoph Bamberger. Ein Interview.

Tiiief durchatmen!

Luft spielt bei Ärger eine wichtige Rolle: Wenn wir uns ärgern, neigen wir dazu, uns „Luft machen“ zu wollen. Doch anstatt Dampf abzulassen, sollte man lieber gaaanz tief durchatmen, sagt der 52-jährige Hamburger Stressforscher Prof. Christoph Bamberger.


Herr Prof. Bamberger, was läuft in uns ab, wenn wir uns ärgern?

Prof. Bamberger: „Die wichtigsten biochemischen Komponenten sind die Stresshormone Adrenalin und Cortisol. Beide führen zu einer Erhöhung des Blutdrucks und des Blutzuckerspiegels, Adrenalin zusätzlich zu einer Beschleunigung des Pulses und der Atemfrequenz. Hat sich unser Gehirn entschieden, gegen eine (vermeintliche) Bedrohung zu kämpfen, stehen wir als moderne Menschen häufig vor dem Problem, das nicht sozialverträglich umsetzen zu können. Insofern staut sich die Aggression im Gehirn als Ärger auf, gelegentlich durchaus auch mit der Absicht, Gewalt gegenüber bestimmten Gegenständen, wie etwa einem Kopierer mit Papierstau, anzuwenden.“


Welchen Einfluss hat der Atem auf Ärger?

Prof. Bamberger: „Interessanterweise sind bestimmte Verhaltensweisen, wie zum Beispiel Lächeln, nicht nur Ausdruck einer Gefühlslage, sondern sie wirken auch auf diese zurück. Einfach gesagt: Wenn ich mich gut fühle, lächele ich. Genauso gilt aber auch: Wenn ich einfach so lächele, fühle ich mich allein dadurch schon besser. Das gilt auch für den Atem: Wenn ich ausgeglichen bin, atme ich ruhig. Und umgekehrt: Wenn ich bewusst ruhig atme, werde ich dadurch ausgeglichener.“


Welche Atemtechnik hilft?

Prof. Bamberger: „Eine einfache, überall anwendbare Atemübung geht so: Man steht, schließt die Augen und atmet langsam und so tief wie möglich ein. Dabei zieht man die Schultern hoch. Dann atmet man ganz langsam und vollständig aus und lässt dabei die Schultern herabsinken. Diese Übung führt man insgesamt drei Mal durch, und schon ist man deutlich ruhiger.“


Was ist besser: „tief durchatmen“ oder „sich Luft machen“?

Prof. Bamberger: „Das ist wissenschaftlich inzwischen eindeutig entschieden: lieber tief durchatmen, ganz besonders in Situationen, in denen Ärger und die daraus resultierende Aggression überhaupt nichts bringen, zum Beispiel im Stau im Straßenverkehr. Oder wenn wir mit einem Paket vor der Post stehen und die Postfiliale vor unserer Nase schließt. Oder, oder, oder. Ausnahmen sind Situationen, in denen uns eine gewisse Ärger-Aggressivität voranbringen kann, zum Beispiel wenn wir im Job vollkommen ungerechterweise schlecht behandelt werden.“


Sie empfehlen, bei einer Ärger-Attacke ein scharfes Bonbon zu lutschen, das unsere Atemwege so richtig durchpfeift – warum?

Prof. Bamberger: „Der im 17. Jahrhundert lebende Philosoph Baruch de Spinoza hat bereits erkannt, dass man eine Emotion nur sehr schwer bewusst abstellen kann, dass es einem aber viel leichter gelingt, eine Emotion durch eine andere zu ersetzen. Das Gehirn lässt sich einfach gerne ablenken. Wenn wir also ein scharfes Bonbon lutschen, konzentrieren wir uns unweigerlich auf die brennende Sensation im Mund und im Rachen – und sind von unserem Ärger abgelenkt, sodass dieser wirkungslos verpuffen kann.“

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